Ich auf einer eisernen Rutschbahn. Ich beim Werfen einer roten Boccia-Kugel. Ich mit einer Glacé am Strand von irgendwo und ich im loddeligen Rosa-Badekleid an einem anderen Strand im Nirgendwo...
Solche Ich-Bilder formen meine Erinnerung an „Früher“. Sie haften in meinem Kopf weil ich sie über die letzten Jahre hinweg immer wieder angeschaut und mich an die Szenen drumherum erinnert habe. Deutlicher als an alles andere, was in meinem Leben geschehen ist. Es sind Fotos. Meist von meinen Eltern oder meiner Schwester geschossen. Ob Winter- oder Sommerbilder, haben sie alle eines gemeinsam: Sie wurden an den so genannten „Höhepunkten des Jahres“ geknipst. Ein buntes Sammelsurium an Lebensbildern, das an meinem geistigen Auge vorbeizieht, wenn ich mal das zeitliche segne.... - oder eben gerade nicht? Wären dies vielleicht ganz andere Bilder? Bilder, die gar nie aufgenommen wurden? Bilder, die meinen tatsächlichen Alltag zwischen all den abgebildeten Höhepunkten abbilden? Manchmal, wenn man ganz genau hinsieht, entdeckt man sie im Kontext der HÖHEPUNKTE-BILDER: Die Migros im Hintergrund, das Wohnzimmer, in dem die Tannenbaumszene stattfindet, das Auto auf dem Parkplatz... Doch sonst stehen unsere ALLTAGSBILDER unter einer Art Foto-Schutz. Kein Fotoapparat würde je ein solches zum Aufnehmen würdig befinden. Sie sind zu normal und genau das ist ein Fehler.
Experiment: Es ist an der Zeit, konkrete Erinnerungen für Morgen vorzubereiten. Das beste Mittel dazu ist das Handy. Mit ihm lassen sich die ALLTAGSBILDER ins rechte Licht rücken, ohne, dass das ganze Umfeld denkt, man sei verrückt. Im Foto-Ordner abgelegt unter "ALLTAGSBILDER", bin ich mir sicher, dass genau das die Bilder sind, die sie und ihre Nachkommen in 20 Jahren am brennendsten interessieren. Keiner wird dazu je sagen: Ach und das ist wieder „Im Bad von nirgendwo“.
Folgenden Brief musste ich zum Jahresende an die Betreiber des Berner Spa Westside/Bernaqua schicken:
Betreff: Haarschaden / Sehr geehrte Damen und Herren
Bei meinem Besuch im Bernaqua - Erlebnisbad & Spa am Freitag, 18. Dezember 2009 zwischen 16.00 Uhr und 18.00 Uhr, hat sich in meinem Haar ein Stück Spachtel- oder Silikonmasse verfangen. Das Material ist wohl in der Rinne hinter dem Becken angeschwemmt worden und hat sich im Sprudelbad in meinem langen, geflochtenen Haar festgehakt. Die undefinierbare Masse war von einer derart festen Konsistenz, dass sie nicht ausgespült werden konnte. Der diensthabende Bademeister und mein Begleiter, mussten einen Teil der Masse unmittelbar nach dem Vorfall mit einer Schere aus dem Haar herausschneiden. Leider blieben Rückstände im Haar zurück, die ich auch nach mehreren Stunden und einer intensiven Haar-Pflegespülung nicht selbst entfernen konnte. Erst ein Besuch beim Coiffeur Face in der Berner Innenstadt (siehe Quittung) schaffte Abhilfe. Die Coiffeuse reinigte die Haare mit einer intensiven Leimentfernungskur. Danach musste sie die verklebten Haare um ca. 15 cm. kürzen und die Schnittstellen des Bademeisters und meines Kollegen ausgleichen. Zur Illustration finden Sie in der Beilage dieses Briefes ein Handy-Bild, welches die Rückstände im Haar kurz vor dem Coiffeurbesuch zeigt. Ich bedaure den Vorfall sehr und hoffe, dass Sie ein angemessenes Entgegenkommen zeigen. Mit freundlichen Grüssen und einem grossen Kompliment an Ihren hilfsbereiten Bademeister.
Sommer 1987. Ich bin neun Jahre alt und zeichne einen Bären, der auf einer winzigen Wolke hockt und auf eine vierköpfige Strichmann-Familie runterguckt. Die Zeichnen-Viertelstunde ist für mich das Highlight des sonntagmorgendlichen Sonntagsschulbesuches. Die Sonntagsschullehrerin zeigt sich verblüfft über mein Werk und meint, ich solle noch einmal von vorne beginnen - diesmal mit einer „schöneren“ Zeichnung...
Diese Szene, die in meiner Biografie weit zurück liegt ist mir heute auf dem Nachhauseweg durch den Kopf gegangen. Einer dieser wertvollen Gedankenblitze aus der Kindheit.
Und heute bin ICH verblüfft.
Erstens darüber, dass die Sonntagsschullehrerin damals überhaupt von uns Kindern verlangt hat, dass wir Gott zeichnen (du sollst dir kein Bildnis machen – oder wie war das?).
Und zweitens darüber, dass ich Anstelle von Gott einen Bären gezeichnet, ja die zwei Dinge ganz einfach miteinander verwechselt habe. Nicht, dass sie jetzt denken, ich sei ungläubig aufgewachsen. Ganz im Gegenteil. Die Sonntagsschulbesuche sind der beste Beweis dafür. Aber meine grosse Schwester besass damals einen Stoffbären. Der war so riesig wie ich mit fünf Jahren und er trug den Namen „Gottlieb“. So einfach ist das. Für mich liessen sich die Begriffe „der liebe Gott“ und „der Gott lieb“ nie ganz voneinander trennen und so ist das Bildnis vom Allmächtigen, das man sich ja nicht machen soll, bei mir seit frühester Kindheit ein ganz klares.
Sinnigerweise ist der Kindheits-Blitz genau dann in meinem Kopf eingeschlagen, als ich mit Bus Nummer 12 den Bärengraben passierte...
Minus und Minus ergeben Plus – dies ist eins der wenigen mathematischen Gesetze, das ich mir immer merken konnte. Und es funktioniert auch im wirklichen Leben...
Wenn es regnet gehe ich nicht gerne ins Freie. Auf Friedhöfe gehe ich auch nicht sonderlich gerne. Beides sind also Dinge, die ich zu vermeiden pflege. Kürzlich ist mir jedoch aufgefallen, dass sich genau diese zwei, geschickt kombiniert, zu einer echten Bereicherung entwickeln können.
Zwar sieht ein Friedhof bei Regenwetter nicht „anmächeliger“ aus als sonst aber im Zusammenhang mit dem Nass bekommt er eine völlig neue Wirkung. Durch den Regen auf der Haut fühle ich mich auf dem Friedhof einerseits überraschend belebt und durch die Anwesenheit der vielen Gräber macht mir andererseits der Regen nichts mehr aus. Kommt dazu, dass ich auf einmal Zeit habe, mich um ganz sonderbare Dinge zu kümmern. Mich zum Beispiel zu interessieren für die Menschen die unter meinen Füssen liegen. Oder zumindest für deren Geschichten, die ich erahnen kann, wenn ich die Grabsteine eingehend studiere. Auf einmal entdecke ich Zusammenhänge, sehe wer wem wohin gefolgt ist, wer Geld hatte und wer wohl eher nicht. Wer Katzen mochte und wer vielleicht sogar sein Kind zu Grabe getragen hat. Ich entdecke Namensvettern, prominente Bernburger, verdiente Bundesräte und irgendwann sogar ein besonders schöne Plätzchen, das ich sogleich gerne reservieren würde...
Ausserdem gibt mir der Regen-Friedhof das wunderschöne Gefühl zu spüren, dass ich am Leben bin.
Und weil ich mir für meine Ausflüge eine Ruhestätte ausgesucht habe, auf der kein mir bekannter Toter liegt, verschafft mir der Besuch ausserdem die ungemeine Erleichterung, an solch einem Ort keine Trauer zu verspüren.
Bisher kannte ich sie eigentlich nur aus dem Lied „drei Kinesen mit dem Kontrabass“. Dabei habe ich mir, seit ich denken kann, immer drei ganz kleine, lustige Menschen vorgestellt, die „da auf der Strasse was spielten“. Andere Chinesen, zum Beispiel die, die täglich Bärengraben und Zytglogge bevölkern (oder sind das alles Japaner?) wollten so gar nicht in dieses Bild passen. Die richtigen Chinesen, die mit dem Kontrabass, habe ich mir faszinierend, leichtfüssig und immerfröhlich vorgestellt...
Jetzt hab ich welche. Genau solche. Zwei Stück um genau zu sein. Ein Pärchen. Wie sie heissen weiss ich nicht, ihre Natelnummer kenne ich auch nicht. Aber ich wohne mit ihnen in einer Art WG in Zürich-Oerlikon. Und sie sind ein absoluter Glücksfall... Zuerst einmal sind es Abend-Duscher – ich bin Morgen-Duscher, das gibt keine Kollisionen im Badezimmer. Des weiteren sind sie immer gut gelaunt und pfeifen meist leise vor sich hin. Heute haben sie mir erzählt, sie würden bald einen Tanzkurs machen (kommt fast an den Kontrabass hin), sie haben mich gefragt, was Cannabis sei und sie lösen etliche meiner Lebensprobleme gleichzeitig. So hatte ich beispielsweise seit langem das Bedürfnis, wieder mehr englisch zu reden – mit ihnen kann ich mich nur auf englisch unterhalten. Des Weiteren sind die beiden Informatiker und können all meine Computerfragen beantworten. Ausserdem lerne ich neue Fleischsorten kennen, erfahre alles über Shanghai und, sozusagen als Krönung hat sich letzten Woche auch noch herausgestellt, dass die beiden Badminton spielen. Richtig gut Badminton spielen. Genau das sind meine Kinesen aus der Kindheit. Vergessen sind die Bärengraben-eventuell-auch-Japaner-Gaffer.
Kontrabass spielen meine Kinesen zwar nicht, dafür haben wir auch nicht jeden Abend die Polizei im Haus... :)
Wer? Das wusste ich bis vor kurzem selbst nicht. Jetzt weiss ich es oder vielmehr, ich habe den Auftrag gefasst, es zu verbreiten: "Die Morphinisten kommen".
Kein Witz. Ebendiese werden in Kürze die Schweiz einnehmen. Sie werden ihren Vertreter in den Bundesrat einschleusen und danach den Staat sukzessive abbauen...
Woher ich das alles und noch viel darüber weiss? - Von einer älteren, edel gekleideten Dame im Zug 07.00 Uhr Bern – Zürich. Ob dieser Platz noch frei sei, fragte sie mich höflich und stand, kaum hatte sie sich zu mir hingesetzt, auch schon wieder auf und gab mir den Auftrag (den ich in diesem Moment erfülle) ihre seltsame Geschichte niederzuschreiben.
Die Morphinisten, um die es in der Geschichte ging, würden sie, sobald sie die Nachricht an mich weitergeleitet habe, um die Ecke bringen. So wie sie fast alle Frauen der Welt bald umbringen würden. Nur diejenigen, die ihre Kinder austragen sollen, würden die Morphinisten verschonen. Ein regelrechter Holocaust an der Frau stehe uns bevor. Ich war gelinge gesagt schockiert über diese Aussage. Männer, so offenbarte mir die Dame mit leiser werdender Stimme, mögen nämlich Frauen gar nicht. Männer sind schwul und stehen ausschließlich auf ganz junge Männer, die sie sich heimlich im Keller „halten“. Frauen dulden sie nur, um sich fortzupflanzen und (im Moment noch) um sich zu tarnen. Ich wurde langsam nervös, hörte aber weiter zu, denn diese Morphinisten begannen mich irgendwie doch zu interessieren. Den Ursprung nehme das ganze Übel, so erklärt die Dame, im fernen Osten. Bei, wie könnte es anders sein, Osama b. Laden. Er und seine Gefolgsleute seien im Begriff, die Welt mit Morphium zu vergiften und Land für Land „frauenfeindlich und drogensüchtig zu machen“. Das Ziel der Morphinisten sei nämlich erst die Unmündigkeit der Weltbürger und in einem nächsten Schritt dann die Islamisierung der Welt. Und hinter Herrn bin Laden stecke noch mal ein ganz anderer: der Fraktil-Jude. Das teilte mir die Dame ungefähr auf Höhe Olten mit und sprach dabei unheimlich schnell und leise, sodass ich zunehmende wacher und perplexer wurde. Alles kann ich an dieser Stelle leider nicht wiedergeben (es war 7.00 Uhr früh!) aber hier noch ein paar brisante Details: Das Nest in der Schweiz, von wo aus sich die Morphinisten verbreiten, sei in Luzern – der Hochburg der CVP, die schon fast gänzlich unterwandert sei. Die Morphinisten hätten kürzlich gar den Landsitz des Vaters der Dame eingenommen. Darüber staunte ich nicht schlecht und auch der Geschäftsmann im Abteil nebenan schien von dieser Aussage Notiz zu nehmen - er hob die Augenbrauen. Jünglinge aus dem Osten würden dort seit Jahren unter der Erde als Sexsklaven gehalten. In Luzern würden sich nämlich auf ganz wundersamer Weise die weltweiten Verbindungen zwischen Nord-Süd, Ost-West kreuzen.
Mein persönlicher Höhepunkt der Geschichte ist aber der Schlüssel zum Ganzen oder der Grund, warum die morphinisierung der Welt so reibungslos funktioniere: Die Morphinisten haben eine 20 Prozent höhere Libido als der normale Mensch! Das gebe ihnen die Kraft für die Revolution. An dieser Stelle fuhr der Zug in Zürich ein und ich musste entschuldigend meine Sachen zusammenkramen.
Als ich im Hauptbahnhof ausstieg, rief die Dame mir noch nach: „Vergessen sie nicht ihre Mission, junge Frau. Und: kein Alkohol, kein Alkohol!!!“. Jetzt endlich wurden auch unsere kopfhörer-tragenden Mitreisenden auf uns beide aufmerksam. Anstatt aber die interessante Dame anzugucken, schauten sie alle mich schräg an. Und irgendwie hatten sie Recht. Nach der ganzen Geschichte hatte ich jetzt (morgens um 8) tatsächlich fast ein wenig Lust auf ein Bier... ;)
Immerhin: Meine Mission ist hiermit erfüllt und ich hoffe, sie kommen nicht wirklich...
...oder umgekehrt, in meinem Falle: Ich rufe Sie an. Rund um die Uhr, drei Monate lang, wenn Sie wollen. Warum? - Weil ich mir über Telefongebühren solange keine Gedanken zu machen brauche. Ich bekomme drei Monate lang die Handy-Rechnung bezahlt. Von jemandem, neben dem ich am 17.12.2007 zum letzten Mal gesessen habe - einem Journalistenkollegen.
Damals, an einer langweiligen Stadtratssitzung, haben er und ich eine Wette abgeschlossen. Die Polit-Parteien im Stadtrat stritten sich an diesem Abend unendlich lange über das Bauprojekt: „Eissportsstätte Burgorf – a.s.a.p“ . Die einen wollten bei diesem Projekt Stadt-Geld mit vollen Händen ausgeben, andere genau hier den Sparhebel ansetzen. Es war ungefähr die hundertste Sitzung zum Thema, wir alle kannten die Statements der verschiedenen Interessenvertreter auswendig und wollten nichts mehr davon hören. Wir in der hintersten Reihe, die anwesenden Lokal-Journalisten, wollten nur eins: Einen raschen Entscheid.Um mich vom Gähnen abzulenken flüsterte ich damals meinem Banknachbar zu: „Egal was die Gegner meinen, diese Stätte wird irgendwann gebaut“. Er hingegen meinte: “nie und nimmer gibt es diese Eissportstätte“. Halb im Ernst, halb im Spass wurden daraufhin Hände geschüttelt und auf einem A5-Notizblock wurde die Wette schriftlich festgehalten. Die Wett-Parteien unterzeichneten feierlich, ein dritter fungierte als Augen- und Ohrenzeuge. Dies, während sich die Stadträte unten im Saal weiterhin zu „a.s.a.p“ auf die Rübe gaben.
Fast zwei Jahre später ist diesen Sommer der Spatenstich gefallen. Ich habe den grossen Moment verpasst und die Wette schon fast vergessen. Doch der faire Wettpartner hat sich bei mir gemeldet und das Papier hervorgekramt...
Wer hätte gedacht, dass sich diese langweiligen Parlamentssitzungen irgendwann – im wahrsten Sinne des Wortes – auszahlen würden?!
Andrei und Trischk hiessen sie oder zumindest waren das die Wortfetzen, die wir bei der Begrüssung verstanden haben und die beiden Männer fortan so nannten. Sie: zwei Fernfahrer mit Route Astana (Kasachstan) – Osch (Kirgistan). Eine Route über 3500 Meter hohe Pässe, auf denkbar schlechten Strassen durch kilometerweites Niemandsland. Eine Route, auf der es im Sommer tropisch warm und im Winter sibirisch kalt ist. Ihr Laster ist mit 20 Tonnen Zement beladen, so dass sowohl bei Steigung als auch bei Neigung maximal 20 Stundenkilometer möglich sind. Zusammen trinken Andrei und Trischk alle zwei Stunden Chai/Tee und essen Schokolade-Täfeli. Abends gibt es ein kaltes Poulet vom Strassenstand, geschlafen wird direkt hinter dem Steuer, jeweils von dem, der gerade nicht fährt. Andrei ist Russe und sieht aus wie Moritz Bleibtreu in lustig und Trischk, der Kirgise, könnte das Cover einer Helvetas Broschüre zieren.
Von diesen beiden und ihrem Zementlaster haben wir uns auf unserer Veloreise durch Kirgisien aufgabeln lassen. Mit dem Fahrrad wären wir nicht langsamer unterwegs gewesen, doch meine Knie brauchten dringend eine Pause vom „Passfahren“. Andrei und Trischk versenkten unsere Fahrräder zwischen die zentnerschweren Betonelemente auf der offenen Ladefläche und klemmten die Saccochen irgendwo dazwischen. Obwohl es in der Führerkabine 40 Grad warm und zu viert recht eng war, fühlten wir uns auf Anhieb wohl mit Andrei und Trischk. Das Russich ging erstaunlich leicht über unsere Lippen, wir tranken literweise heissen Tee aus Andreis und Trischks Tassen, assen geschmolzene Täfeli und schauten verzückt auf die kleinen Autos herunter, die uns sonst in Angst und Schrecken versetzten. Ein Traum-Ruhetag auf der rechten Überholspur...
Dann wurde die Idylle durch das Klingen eines Handy gebrochen. „Da, Roman...“, meldete sich Andrei am gemeinsamen Handy. Ein Mann namens Roman war dran. Wohl der Chef der beiden, nahmen wir an. Der Mann am anderen Ende sprach hektisch und rief von da an immer wieder an. Unsere beiden Freunde wurden am Telefon jeweils ganz ernst und erzählten mit Seitenblick auf uns von „... Turist...taxi...“ das machte uns unsicher, irgendwie misstrauisch. Waren Andrei und Trischk vielleicht gar nicht so nett, wie sie aussahen? Trog die Idylle in der schweineheissen mit Teppichen ausgesstopften Führerkabine? Wo führten sie uns hin? Wer war Roman? Waren wir naiv und liessen uns mitten im Niemandsland entführen?
Auf einmal, ein lautstarker Knall: Kein Schuss. Ein Pneu war geplatzt. Das Flicken in Teamarbeit dauerte knapp ¾ Stunden. Der kaputte Pneu (ca. ein Meter hoch) wurde den Hang hinunter in den See geworfen. Wir fuhren weiter. Danach, in der engen Kabine, waren unsere Zweifel wieder verflogen, das vertraute Gefühl wieder da. Andrei und Trischk waren unsere Freunde, unsere Drugas. Wir lehnten zurück, gondelten durch die mittlerweile zappendusteren Strassen und schämten uns im Stillen für unser Misstrauen.
Doch dann brach Andrei die Idylle erneut. Er nahm den Kontakt zur Aussenwelt auf und telefonierte mit Roman „turist... da ... turist...“. Er hängte ein, fuhr scharf rechts ran und bat uns auszusteigen. Hier könnten wir unsere Zelte aufschlagen, hier sei ein schöner Platz für uns. Wir kletterten mit steifen Gliedern aus dem Laster und sahen hinter uns einen anderen Zementlaster anhalten und im grellen Scheinwerferlicht zwei Männer auf uns zukommen. Das also war der Komplott, ging es uns durch den Kopf: die zwei sollten uns das Gepäck abnehmen, uns ausrauben und dann im See versenken. Der eine war Roman, Andrei und Trischkeru seine Komplizen...
Das Gegenteil war der Fall: die beiden vom hinteren Lastwagen sollten dabei helfen unser Gepäck vom Laster runterzuhieven. Dazu waren sie wohl telefonisch beordert worden. Zum Abschluss gab eine ausführliche Handy-Fotosession, Abschieds-Händeschütteln, Adressentausch...
Sie leben ganz nah bei mir. Also sie leben nicht wirklich, aber sie sind ganz in meiner Nähe. Würden Sie leben, könnte ich nach ihnen rufen, sie kämen angetanzt, und ich hätte drei Probleme weniger. Die Rede ist von meinen verlorenen drei Lieblingsdingen: Mein knallrotes Portemonnaie, meine signalrote Agenda und das wertvollste im Trio: Meine Geburtstaguhr (schwarz), die ich zum 30. Geburtstag von meinen Eltern geschenkt bekommen habe. Das Trio ist spurlos verschwunden. Nicht so verschwunden, dass ich mich beispielsweise daran erinnern könnte, eins der drei im Zug benutzt und nicht korrekt verstaut zu haben. Alle drei sind ganz einfach weg. Das Portemonnaie ist wahrscheinlich am „wegsten“, es wurde eventuell sogar geklaut. Die anderen beiden aber liegen höchstwahrscheinlich in meiner unmittelbaren Umgebung und warten darauf, gefunden zu werden. Nur wie?
Als "computerisierter" Mensch schiesst mir, sobald ich darüber nachdenke, jeweils für eine Hundertstelsekunde die Allzwecklösung CTRL F durch den Kopf - der Impuls, die „Suchfunktion“ des Computers zu nutzen. Warum, frage ich mich dann, gibt es im richtigen Leben nichts Adäquates? Wir haben es hier mit einer Erfindung zu tun, welche die virtuelle der realen Welt voraushat. In der wirklichen Welt nämlich ist, wer die virtuelle Suche gewohnt ist, ziemlich verloren. CTRL F - und was ich suche zeigt sich mir, sofern auf der Festplatte vorhanden. So einfach geht das.
So habe ich denn gestern beschlossen: Was der Rechner kann, kann ich auch. Sprich: Millimeter für Millimeter einer betroffenen Festplatte, in dem Fall also unserer Wohnung, absuchen. Ungeachtet aller „hier kann es unmöglich sein“ Störgedanken, die menschlich aber nicht virtuell sind. Das physische CTRL F begann um 07.55 Uhr im Schlafzimmer: Von der Schrankoberfläche ausgehend (?)wurde der Raum lückenlos (auf Händen und Knien) mit den Augen abgetastet. Der Erfolg trat bereits um 08.02 Uhr ein: In einem unmöglichen Winkel unterhinterzwischen dem Bett lag die Uhr. Ohne mein neues Computerhirn wäre sie dort wohl verrottet.
Ps: Vielleicht haben meine Eltern (die noch im nicht-digitalen Zeitalter gross geworden sind) doch Recht: Ordnung ist das halbe Leben.
Gross wie mein Schlafzimmer, hell ausgeleuchtet bis in den hintersten Winkel, Meister-Propper-Geruch, der sanft die Nase hochsteigt. Stünde eine Maklerin neben mir, ich wähnte mich bei der Besichtigung einer geräumigen Ein-Zimmer-Wohnung. Doch der Fall liegt anders. Das beschriebene Objekt ist eine öffentliche Toilette. Nicht der Eingang, wo das Waschbecken steht, sondern der Raum mit dem Klo an sich. Die öffentliche Toilette des Bahnhofs Oerlikon bei Zürich.
Kennen gelernt habe ich sie gestern Abend. Da ich in der Feierabend-S-Bahn wenig Aussicht auf ein Durchkommen bis zum WC hatte, suchte ich nach einer Pinkel-Möglichkeit am Bahnhof. Von aussen sah die öffentliche Toilette ganz normal aus und Eingangs ärgerte ich mich noch über den Wucherpreis von einem Franken. Doch der Ärger machte bald der Verblüffung Platz. Nach Einwurf des Geldstücks öffnete sich geräuschlos ein vollautomatisches Eingangstor. Automatisch schloss sich dasselbe wieder nach dem Eintreten. Die 6 Schritte zur Schüssel legte ich dann zwar ein wenig verunsichert zurück (ich traue Automatik auf Toiletten grundsätzlich nicht... Was wenn jemand anders auch einen 1-Fränkler einschiebt und ich auf einmal mitten im Feierabendvolk sitze??), das professionelle Erscheinungsbild der gesamten Anlage aber liess mich Vertrauen schöpfen. Ich löste entspannt Urin, stand auf, wusch mir vollautomatisch mit automatischer Seife die Hände und wollte die automatische Spülung betätigen. Doch weder fand ich einen Knopf, noch merkte die Halle automatisch, dass ich fertig war. Ich räusperte vernehmlich. Nichts. Ich rief in halblautem Befehlston „fertig“. Wieder nichts. Argwöhnisch suchten meine Augen Spritzenkasten, Abfalltrenn(!)behälter und Silberarmaturen ab. Kein Knopf.... „Die perfekte Halle hat einen Fehler!“, dachte ich vergnügt und war irgendwie beruhigt.
Den Urin in der Schüssel stehen lassend, mit einem leichten Anflug von Mitleid für den vergesslichen Architekten der Halle, stellte ich mich in den Türrahmen und liess mich vollautomatisch ausspucken. „Auf Wiedersehen“ schien die Halle noch zu flüstern. Erst nach ein paar Schritten dämmerte mir... das "Flush"-Geräusch, das wie „Auf Wiedersehen“-Geflüster geklungen hatte, war in Wirklichkeit eine hyperautomatische Spülung!
Ps. Mich würde nicht wundern, wenn schon bald eine Familie oder ein junges Studentenpärchen in „der Halle“ eingezogen wären.... Ich selbst habe diese Option auch kurz in Betracht gezogen ?