[ Alltag ]
by rah
@ 01.03.2006 00:17 CEST
Im Wald verstecken, als Strassenbelag tarnen, ins Treppenhaus quetschen?... - wenn mir solche Fragen durch den Kopf gehen, merke ich, wie wenig praktisch veranlagt ich doch bin. Es geht ums „Auto“. Für andere ein Objekt der Begierde, ist es für mich ein seltsam enger Raum, der auf die Bewegungen meiner Arme und Beine reagiert. Ein Auto hat absolut nichts Natürliches an sich und eins zu besitzen ist für mich jenseits aller Fassbarkeit. Trotz Führerschein bin ich deshalb aus Überzeugung ÖV-Nutzerin geblieben. Das heisst, dass ich nur fahre, wenn es nicht anders geht. In meinem Job ist dies der Fall. So zum Beispiel, wenn ich Frühschicht arbeite und um 4 uhr früh von A nach B muss. Da bleibt nur das Geschäftsauto. So weit so gut. Da ich aber mitten in einer Stadt wohne, stellt sich mir die Frage: Wohin versorge ich das blöde Ding, zwischen Nach-Hause-Kommen und Zur-Arbeit-Fahren?
Geld für eine Dauerkarte in der blauen Zone hab ich nicht; jede Stunde die Parkscheibe vorstellen ist unmöglich; Der Restaurantbesitzer hat mich gestern entlarvt... die Auto-Thema-Schlinge zieht sich langsam zu (ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie der Rest der Welt solche Probleme meistert... ?!?)
Viel wichtiger, als die Suche nach neuen Verstecken ist aber eigentlich folgende Frage: Warum lasse ich mir von einem Stück Raum aus Belch das Leben so schwer machen?
... Vielleicht, weil auch ich nicht dagegen immun bin, dass sich in dieser Welt viel mehr um materielle, denn um immaterielle Güter dreht.
[ Alltag ]
by rah
@ 26.02.2006 02:30 CEST
Es gibt im Leben gute, und es gibt im Leben schlechte Momente. In Letzteren fällt das positive Denken schwer. Weil es aber meine liebste Eigenschaft ist, versuche ich es auch dann. So zum Beispiel heute Nacht...
An der Konzert-Abendkasse wurde mir das Schild AUSVERKAUFT direkt vors Gesicht gehängt (der Typ vor mir war der letzte, der ein Ticket bekam). Meine Kollegen standen allesamt auf der Gästeliste für die besagte Veranstaltung, ich blieb zurück, diskutieren nützte nichts. Mir blieb nur eins: den Heimweg antreten – zu Fuss natürlich.
Das war eindeutig ein schlechter Moment! An der frischen Luft schlug mein Ärger aber in Vorfreude um, denn: «Glück empfinden kann nur der, der auch das Unglück kennt». Also habe ich, der logischen Umkehrfunktion zu Folge, eben gerade nicht Pech gehabt, sondern den Grundstein zu meinem nächsten Glücksmoment gelegt. Oder besser gesagt, die Frau mit dem AUSVERKAUFT-Schild hat ihn gelegt.
Und: ist es nicht besser, eine glücklichen Moment noch vor sich, anstatt bereits hinter sich zu haben?
In diesem Sinne: Gute Nacht und... ich freu mich schon auf morgen :)
Dass in Schweiz eine 2-klassen Gesellschaft herrscht, steht in diversen Büchern, liest man in Tageszeitungen und erlebt man im Alltag. Nur, dass es nicht offiziell ist... ausser bei der Bahn. Die steht offen hinter der Idee, dass Menschen unterschiedlicher Klasse sind. Sie geht sogar so weit, dass sie ihre Fahrzeuge mit Klassen beschriftet und damit Zutrittsbeschränkungen für die Mehrzahl der Gäste macht. All das interessierte mich nicht, bis heute!
Bei der Zugseinfahrt sehe ich am Fenster einen Fress-Zettel mit der Aufschrift «1. KLASSE, DEKLASSIERT». Ich steige ein (die Blicke der 2.-klassigen Menschen, die den Fresszettel übersehen haben, im Rücken) und «gleite» in die 1. Klasse. Irgendwie fühle ich mich gut, königinnenhaft, privilegiert (ist mir jetzt ziemlich peinlich!)
Doch statt Genuss kommen Fragen: darf ich hier meine Füsse auf einer Zeitung auf den gegenüberliegenden Sitz legen? Darf ich mein Sandwich essen? Darf ich Musik hören? Darf ich Telefonieren?...
Blöde Fragen: ICH DARF NICHT, ICH MUSS! In der «anderen Welt» gehört das zum guten Ton – Wer nicht isst, keine Telefonate führt, nicht mit wichtigen Dokumenten jongliert ist hier fehl am Platz. Bei dieser Einsicht lasse ich Buch, Natel und Sandwich in der Tasche, stelle die Füsse parallel auf den Zugboden und lächle freundlich.
Schämen tu ich mich einzig dafür, einem schäbigen Zugsabteil «in den Arsch gekrochen» zu sein, nur weil es sich zu mir «herunter-klassiert» hat. Morgen fahre ich 2. Klasse.
[ Alltag ]
by rah
@ 20.02.2006 18:31 CEST
Nelken pissen nicht? Da täuschen Sie sich gewaltig! Es gibt ihn, den so genannten „Pissnelkentag“ (wenn auch mein Mitbewohner damit nicht ganz einverstanden ist). Der Pissnelkentag steht im Gegensatz zum ich-bin-ein-rennender-Hund-Tag:
Morgens verpass ich das Tram, im (nächsten) Zug fällt mir auf, dass ich das GA nicht mit habe, an der PK fall ich auf wie ein bunter Hund, der Dosenöffner spinnt, der Compi stürzt 5 Minuten vor den Nachrichten (in ungesichertem Zustand...) ab, der I-pod ist voll entladen, die WOZ ist von letzter Woche, 20 Minuten auch, es gibt kein Kartoffelbrot in der Migros, ich bin doppelt verabredet, totmüde und keiner glaubt mir, dass Nelken pissen können!
Nichts von all dem wäre von Bedeutung, käme es allein daher - tut es aber nicht!
Sorry dieser atypische Text, aber dies war ein beschissener Tag und jetzt geht’s mir besser (ich beweg mich einfach nicht mehr vom Fleck bis der Tag weg ist)!
Montag morgen, 9.36, ich besteige den Zug zur Arbeit, setze mich in ein leeres Abeteil. Kopfhörer auf, Füsse auf den vis-a-vis Sitz (natürlich auf eine Zeitung) Buch auf... ich tauche in die Welt von Elias Canetti. Zwei MInuten später klebt eine kalte Hand auf meinem (bestrupften) linken Knie. Irritiert schlage ich sie weg und blicke zum Besitzer. Ein 30-jähriger Afrikaner lächelt mich an. "Tu prends une Bière?" fragt er schüchtern? Montag morgen, 9.36, Zug zur Arbeit, leeres Abeteil, Kopfhörer, Füsse auf dem Sitz, ob ich ein Bier will.... - die Situation ist absurd! Natürlich will ich kein Bier und ich will auch nicht seine Frau werden. Alles, was ich will ist lesend zur Arbeit fahren. Meine harsche Art scheucht ihn ins Nachbar-Abteil. Dort trinkt er in 30 Minuten 3 Bier, starrt zum Fenster raus und nuschelt an einem Schlüsselbund. Ich lese keinen einzigen Buchstaben. Zu gut kenne ich diese Situation. Zu häufig ist mir genau das schon wiederfahren. Und doch, heute kann ich mich nicht aufregen. Der Mann tut mir leid. Ich verfluche die Welt, die solche Situationen entstehen lässt. Die dazu führt, dass Menschen entwurzelt und ohne Hoffnung in einem fremden Land herumstreichen müssen.
Das Schlimmste ist, dass jeder versteht wenn ich mich über die Situation ärgere, aber keiner versteht, wenn mir dieser Mann undendlich leid tut.
[ Alltag ]
by rah
@ 08.02.2006 00:16 CEST
Medien- und Kommunikationswissenschaft. Ein Studium, hundert Wege..
Für mich war klar: Ich studiere die Medien, weil ich einmal Teil von ihnen werden will. Seit diesem Entschluss, und der Umsetzung in die Tat, bin ich umgeben von Zweiflern und an manchen Tagen zweifle ich auch selber: Kein Geld, keine Freizeit, Stress, Hektik... - IST ES DAS WERT?
Heute kam das JA darauf laut und deutlich:
Spatenstich der Firma x stand auf dem Programm. Anwesend: Ein Zelt voller Pinguine, darunter der CEO der Grossbank y, der Direktor der Bauunternehmung z, Investoren so weit das Auge reicht... definitiv nicht meine Welt. Oder doch?
Als ich mich genauer umschaue (und zweifelsohne meiner etwas-zu-lässigen Kleidung wegen auch angestarrt werde) trifft mein Blick auf 2 Ex-Kommilitoninnen. PINGUININNEN! 2 Frauen, die noch vor zwei Jahren mit mir in der Soz-Vorlesung über demokratische Kapazitäten in der 3. Welt referiert haben.
Stolz erzählen sie mir von ihren wundervollen Jobs in der Kommunikationsabteilung von z, vom spannenden Alltag und vom wundervollen Herrn y... ("der dort, mit der beigen Kravatte")
10 Sekunden lang ist es still. Wir schauen uns in die Augen und denken: Was hast du nur aus deinem Leben gemacht, meine Liebe?
Es gibt diese Tage, an denen alles ein bisschen anders ist...
Heute ist so einer. Angefangen hat er früh:
Als ich (etwa um 4 uhr morgens) Richtung Arbeit unterwegs bin, kommt mir auf der Autostrasse (80 km/h) ein Hund entgegen. Und er kommt nicht etwa gezottelt oder steht verwirrt rum, nein, er rennt direkt auf das Auto zu und an ihm vorbei. Beigefarben und mit langem wehenden Fell, seh ich ihn im Rückspiegel verschwinden. Von da an fühle ich mich wie ein rennender Hund... Im Nachhinein bin ich nicht mehr sicher, ob der Hund real war ?!?
Aber egal, dieser Tag hat das gewisse Etwas, den Zauber der Einmaligkeit. Doch leider sind die alles-ist-ein-bisschen-anders Tage meist nicht allein schön und warm. Das rennender-Hund-Feeling verschwindet auf der Post , als ich 35 Briefe B-Post verschicken will. Anstatt, dass die gelbe Frau mir die Briefe lächelnd abnimmt, schiebt sie 35 Marken durch das Sicherheitsglas und brummt: «Wenn sie alles aufgeklebt haben, können sies mir durchreichen, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit zum frankieren...»
Und ich? Ich grinse, schliesslich bin ich ein rennender Hund heute!