[ Alltag ]
by rah
@ 28.04.2006 09:32 CEST
Liebe Freunde, Verwandte, Bekannte, Angehörige... – die üblichen Beziehungsmuster eines Menschen werden an Beerdigungen und Hochzeiten aufgelistet. Nicht darunter fallen (neben den Geheimen) die Alltäglichen. - Leute, die man täglich trifft aber nichts von ihnen weiss. Als ÖV-Nutzerin habe ich einen ganzen Haufen davon: Da gibt es die Krückenfrau im Tram, den nervösen (gutaussehenden) Banker im Regio... und es gibt die so genannten Kreuz-Menschen. Diejenigen, die ich nie länger als wenige Sekunden sehe, weil ich sie (meist an exakt der selben Stelle) auf dem Arbeitsweg kreuze. Seit kurzem hab ich 2 neue Exemplare: Zwillinge! In Langnau, Abends um 10 vor 7. Sie sind klein, absolut identisch, tragen lange, dunkelblonde Zöpfe, haben freche spitz-Gesichter, sind Mitte 30-ig und grinsen. Das besondere an ihnen ist aber: Sie rennen! Und zwar wie vom Teufel gestochen.
Normalerweise interessiere ich mich nicht sonderlich für den Verbleib meiner „Kreuzer“, doch hier verhält es sich anders... - jeden Tag frage ich mich: Wo verdammt nochmal rennen diese blöden Zwillinge nur hin? Da hinten gibt es nichts! Da hinten ist nichts (schon gar nichts, das einem davon läuft) weder Bus, noch Zug, Tram oder Flugzeug, einfach nichts...!
Gestern kam ich zum Schluss, dass diese Zwillinge mich verarschen wollen. „Truman-show“... hm... vielleicht sollte ich das Muster mal durchbrechen und die blöden Zwillinge aufhalten, ihnen ein Bein stellen, sie etwas fragen mich verstecken und beobachten ob sie auch ohne mich rennen... mal sehen, ob das Grinsen dann ein Ende hätte!
... das Experiment wird lanciert...
ps. als ich gestern Nacht heim-radelte, kamen mir 4 nackte Menschen auf Fahrrädern entgegen... ob die wohl auch zu meinen Kreuz-Menschen werden ☺? Fand ich ne kuule Sache, zumal es etwa 12 Grad und pitsch-nass war...
[ Alltag ]
by rah
@ 24.04.2006 21:28 CEST
«Geht’s dir gut?» - «danke ja, und selber?»... - Alltags-Kommunikation, die ich mindestens 20 x am Tag provoziere oder darauf reagiere. Eine Floskel, eine Gesprächsaufnahme, ein Laut, der abgrenzt wer sich kennt und wer nicht. - Diese Thematik hat bestimmt jeden schon zu Experimenten verleitet. Einfach mal sagen: «danke, gar nicht» oder «ja, aber...» und gucken wie das Gegenüber reagiert. Lustige Sache... – sofern es einem gut geht.
Kompliziert wird die Situation, wenn die Antwort klar und deutlich «Nein» wäre...
So geschehen heute: Als Frühschichtlerin war ich die erste im leeren Grossraumbüro. Der erste Mitarbeiter kam, nickte und fragte «Geht’s dir gut?». Er erntete eine knappe Erklärung für «Nein, gar nicht» (schliesslich arbeite ich mit ihm die nächsten 7 Stunden zusammen und will nicht, dass er meine Laune miss-interpretiert). Simpele Methode. Im Verlauf des Morgens wird’s schwieriger. Das 2. «Geht’s dir gut?» schlendert um die Ecke... ich entscheide mich für ein unkompliziertes «danke ja, und selber?», diese Person geht meine Laune nichts an. Person 3 kommt angetanzt. Auch sie kassiert ein «danke ja, und selber?»...Problem gelöst, ich arbeite stumm. Dann wirds schwierig... Person 4 taucht auf... «Geht’s dir gut?»... «Nein» will ich sagen, spüre die Blicke von 2 und 3 im Nacken... und entscheide mich diplomatisch dafür, das «Nein, gar nicht» auf später zu verschieben. Alles paletti...
Da kommt Nummer 1 um die Ecke und erkundigt sich «und, geht’s besser?» die Rückendeckung zerfällt...
Lange Rede kurzer Sinn: Die einzige Person (im totenstillen Raum ☺), die sich jetzt veräppelt fühlt, ist diejenige, bei der ich erwogen hatte, nicht zu lügen. Die klaren «danke ja, und selber?»... kümmert die Lüge nicht - sie rechneten von Anfang an nicht mit meiner Ehrlichkeit...
Was ist "normal"? Geselleschaftlich wird Normalität über die Mehrheit der Fälle definiert. Es wird ein Durchschnitt errechnet und, was in einem bestimmten Radius drumherum liegt, gilt als "normal". Die meisten Blogerinnen und Bloger –ich inklusive- stufen sich und ihre Art zu handeln in der Menschenmasse als "normal" ein - und sind froh darüber. Doch es gibt Momente, an denen meine Gewissheit, dass Normalität der rechte Weg ist, arg ins Wanken gerät...
Ich besteige den Zug und suche nach einem leeren Abteil. Als ich keins finde, erkundige ich mich bei einer älteren Dame, ob der Platz vis à vis noch frei sei. Sie schweigt und schaut zum Fenster raus. Ich setze mich trotzdem. Da guckt sie mir in die Augen, lächelt und fragt: „Sind sie Skorpion?“ Etwas erschroken schüttle ich den Kopf und frage, wie sie darauf käme... „ich sehe es ihren Augen an, sie haben einen sehr stechenden Blick“. Hm... nicht gerade ein Kompliment. Ich beschliesse die Konversation zu beenden. Doch sie fährt fort: „Es tut mir aber gut, ihnen ins Gesicht zu sehen, sie haben eine helle Haut und ein offenes Lächeln...“.
An der nächsten Haltestelle steht die Frau auf, steigt aus und verschwindet aus meine Leben.
Eindeutig eine Spinnerin, ist mein erster Gedanke. Und doch, ihre Worte lassen mich nicht los. Ist es denn nicht viel sinnvoller, jemandem solche Gedankenblizte mitzuteilen, als übers Wetter zu diskutieren oder Aktualitäten zu pauschalisieren? Die Frau – ob Spinnerin oder nicht- gab mir wenigstens einen gedanklichen Anstoss und hinterliess ein kleine Spur in meine Kopf... - und genau das
wäre doch eigentlich die ablsolut "normalste" Funktion von Alltagskommunikation... übers Wetter kann ich auch alleine nachdenken.
Ja, ich glaube, ich habe gestern etwas dazugelernt Es sei denn, die gute Dame hatte lediglich ihren
Gesagt-Getan-Tag...Freitag morgen, viertel nach 1, Bahnhof Bern. Die letzten Trams (Mehrzahl von Tram? Trämer, Trams, Trame??? – egal) sind längst weg, zum dritten Mal innert 7 Tagen muss ich zu Fuss nach Hause. Ein Angsthase bin ich nicht, ich gehe davon aus, dass Selbstbewusstsein und Furchtlosigkeit die beste Waffen gegen Übergriffe sind...
Doch dann, ein schlendernder, lederbejackter Mann vor mir... ich spüre, dass er sich meiner Anwesenheit bewusst ist und den Moment abwartet, mich anzusprechen (oder anzuspringen!??). Meine Möglichkeiten sind begrenzt: Entweder ich biege ab und gehe einen Umweg, ich gehe zum Bahnhof zurück und leiste mir ein sauteures Taxi oder aber...
Variante 3 gefällt mir (☺): Auf gleicher Höhe mit ihm, warte ich kurz das „hallo, wie heisst du“ ab, nehme den Kopfhörer ab und mein sympathischstes Lächels hervor: „Danke gut, dir?“. Er guckt schockiert. Zeit für den näxten Angriff: Ich hake mich bei ihm unter und texte ihn zu. Über mich, mein Leben, den Ausgang, die wunderschöne Stadt Bern. Er kommt nicht zu Wort. Am Gesprächshöhepunkt (etwa auf der Hälfte meines Heimwegs) gestehe ich ihm dann noch, wie froh ich bin, ihn getroffen zu haben. Schliesslich sei es für eine junge Frau, allein in der Nacht, nicht immer ganz einfach - mit ihm zusammen würde ich wenigstens nicht überfallen oder blöd angemacht...
Hey, die Methode funktioniert felsenfest! 5 Minuten später hat der Mann sich höflich von mir verabschiedet und schleunigst die Richtung gewechselt...
Wer kennt schon die korrekten Verkehrsregeln? - Die wenigsten... und doch funktioniert der Strassenverkehr. Irgendwie. Obschon es täglich Situationen gibt, in denen ich denke „phua, das war knapp“. Spezialisiert für knapp verfehlte Unfälle sind Kreisverkehre. Wenn man bedenkt, dass nur etwa ein Drittel der aktuellen Verkehrsteilnehmer aktiv gelernt hat, wie mit einem solchen zu verfahren ist, funktionieren sie erstaunlich gut.
Aber: Keine Regel ohne Ausnahme: Als ich neulich (gelangweilt vom ewig automatisierten Regel-Beachten) in den Kreisverkehr fuhr, kam mir ein Fahrrad entgegen. Im Zickzack, in Gegenrichtung, mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Durch beidseitige Bremsleistung kamen der Mann, sein Fahrrad, ich und mein Auto knapp voreinander zum Stehen. Beide grinsten und ich liess ihm - mit elegantem Handzeichen – generös den Kreis-Vortritt. Wäre ich mitten im Kreisel ausgestiegen und mit ihm was Trinken gegangen... ich glaube wir hätten uns gut verstanden und ich hätte vielleicht mehr über sein Experiment Dem-Linsverkehr-Zum-Trotz erfahren...so weit konnte ich heute aber nicht von meiner Alltags-Rolle abweichen (war schliesslich kein
Gedacht-Getan-Tag).
Also bleibt mir nichts, als zu hoffen, dass der Mann ein treuer Blogger ist...
[ Alltag ]
by rah
@ 03.04.2006 17:57 CEST
„Kleider machen Leute“ - der Spruch ist nicht absolut falsch... zwar ist die Idee: „je edler ein Mensch angezogen ist, desto edler ist auch sein Charakter" ein Trugschluss, aber ich gebe zu: Kleider sind Bestandteil des Gesamteindrucks. Ich bin Typ Turnschuh-Strumpf-Jupe-Kaputze mit Farbe. Dies, obwohl es meist nicht so gut ankommt. Neben der Optik gewichte ich aber eben auch die Praktik (aufs Tram hetzen, Rollbrettlen, mich auf die Treppe setzen ... - das alles geht in edlen Stoffen nicht).
Doch auch ich kenne äussere Zwänge. Sie begegnen mir in erster Linie im Berufsalltag. Situationen, in denen ich mich den Alltagsgesetzen unterwerfe und in Uniformen schlüpfe ... Dabei fiel mir neulich auf, dass an dem Spruch, mehr dran ist als nur ein Eindruck und der damit verbundene Respekt, den man sich mit der richtigen Garderobe verschaffen kann: An Kleider ist Verhalten gebunden.
Und damit meine ich nicht, dass ich mich in teuren Kleidern nicht auf die Treppe setze oder die Füsse hochlege - die Verhaltensänderungen gehen tiefer. Ich werde zu einer anderen Person. Zum Beispiel zu einer „Stiefelträgerin“. Leider ist das Fazit nicht rosig. Sobald ich schick angezogen bin, fühle ich mich unselbständiger, lächle mehr und fange Blicke auf, bin aber weniger kommunikativ, und ich ärgere mich über Jugendliche, die Musik hören. Die Art, in meiner Tasche zu wühlen verändert sich, ja ich schneuze mich anders und bin extrem freundlich zum Zugs-Kontrolleur... – ICH BIN GESTIEFELT... ob das gut oder schlecht ist... keine Ahnung... für mich war die Erkenntnis Bestürzung pur und: Zuhause angekommen stürze ich mich in die Alles-Beim-Alten-Kluft und komme langsam wieder zu mir.