Einen Eintrag über Vorsätze? Schreib ich nicht! Ich mach mir nämlich keine, zumindest nicht zum Jahresende oder zum Jahresebeginn. Aber frei von End-Jahres-Ritualen bin auch ich nicht... - nebst Fondue Chinoise am Abend gehört z.B. DER BRIEF mit dazu.
Ein Brief, der mich Monate später erschauern, mich lachen oder mich vielleicht wohler fühlen lässt. Daran haftet nichts Mytisches oder Spirituelles: DEN BRIEF schreibe ich nämlich selber - Ein EGOBRIEF. Verfasst wird er jeweils am letzten Tag des Jahres, geschickt wird er mir (von einer auserwählten Person) nach einigen Monaten. Er beinhaltet einen kurzen Stand meiner Lebens-Dinge, einen groben Abriss über die Entwicklung der letzten 365 Tage und eine Idee davon, wie zufrieden ich mit mir bin.
Solche Rückblicke sind ein Kampf... Soll ich mich anlügen? Warum schreibe ich ausgerechnet dies oder jenes? Warum drücke ich mich um gewisse Themen rum? Frage über Fragen... Doch, Tatsache ist: Wenn ich an mich vor einem Jahr zurückdenke, betrachte ich dieses ICH oft als eine andere Person. Deshalb: warum nicht mein jetziges ICH von meinem künftige ICH beurteilen lassen - sind ja schliesslich 2 verschiedene Personen und erst recht noch solche, die sich dieselben Geheimnisse teilen...
Der Unterschied zwischen DEM BRIEF und einem Vorsatz ist massgeblich die Lücke zwischen Nachdenken und Handeln - nicht umsonst heisst es: Zuerst denken, dann handeln.
ps... ich hoffe einfach "es" schreibt mir nicht zurück..... - aber lassen wir das :)
Die Gegenwart ist unendlich klein. So klein, dass wir sie unablässig mit Vergangenem und Künftigem füttern müssen, um uns ein Bild von unserer Situation zu machen. Geht es mir gut oder geht es mir schlecht ist von Erinnerung und Vorstellung abhängig...
Doch je weiter zurück oder fern dieser Nährboden für unser Gegenwartsgefühl liegt, umso ungenauer ist er. Vergangene Ereignisse werden ausgeschmückt, zukünftige bunt ausgemalt und so fühlen wir uns häufig schlechter oder besser als es angemessen wäre.
JEDER ist sich dieser Tatsache bewusst, die wenigsten nutzen sie zum Positiven? – Warum eigentlich nicht?
Wenn doch das Gegenwartsgefühl aus dem geschmiedet wird, was wir in Erinnerung haben oder uns vorstellen, und diese Vorstellung so schwammig ist - warum basteln wir uns so wenige Glücksmomente selber? Warum wandeln wir Geschehenes nicht kurzerhand ins Positive (
Bsp. Perspektivenwechsel)? So viel Lüge wäre nicht dabei, schliesslich ist unsere Erinnerung nie absolut korrekt.
Sie denken jetzt vielleicht, dass sie sich ungern selber belügen wollen, doch: In den meisten anderen Bereichen lassen sie genau dies ungehindert zu. Sie lassen sich von Filmen verzaubern, von Geschichten in den Bann ziehen oder von Getratsche aufheitern - um ihren persönlichen Ist-Zustand zu beeinflussen!
Warum also klammern wir uns, sobald es um unser Leben geht, so verzweifelt an unser Gedächtnis, wenn wir doch so gar nicht sicher sind, wie stark wir diesem trauen können.
Mein Tipp: Versuchen Sie heute mal wieder Vor- und zurück zu träumen...(vielleicht nicht gerade wenn das genervte Migros-Kassen-Fröilein nach ihrer Supercard fragt)
In diesem Sinne: Frohe Weihnacht!
[ Alltag ]
by rah
@ 14.12.2006 17:48 CEST
Der Schweiss perlt unter der Mütze hervor. Ausziehen kommt aber nicht in Frage. In den Korb mit Lebensmitteln leg ich sie nicht, der Rucksack ist hinten und Hand habe ich keine frei: also schwitze ich und tröste mich damit, dass ich mit dem „Im-Laden-Hitzewallungen-Problem“ keineswegs allein bin.
Ich habe das Toastbrot vergessen. Kurz erwäge ich, ob es sich lohnt, den weiten Weg zum Brot zurückzugehen oder aber die optimale Warteposition zu ergattern, die sich in dem Moment eröffnet: Eine Hausfrau hinter der sich (wegen den Unmengen an Ware in ihrem Korb) keiner anstellte, verlässt unvermittelt ihre Pole-Position und schlurft zurück zwischen die Regale. Ich verzichte auf mein Toastbrot und hoffe, dass mein „Fröilein“ nicht Münzrollen bestellen muss oder in die Pause geht... - Sie tut nix davon und ich rücke– mit einem süffisanten Lächen auf den Lippen vor.
Noch eine Person vor mir. Ein Mann mittleren Alters, schwarzes Sakko, schwarze Brille, schwarze Tasche und leichenblass im Gesicht. Er scheint neu zu sein unter den Feierabend-Einkäufern - oder noch keine Einräumstrategie zu besitzen (das Rollband ist in der grossen Stadt-Migros nämlich extra-kurz und die ist Zeit extra-knapp). Der Schwarze nimmt sein Portemonnaie viel zu früh aus der Tasche und seine Caramel-Yoghurts stapeln sich gefährlich. Die Verkäuferin muss warten. Er disponiert fahrig um, versorgt das Portemonnaie wieder, sie lächelt: „22.80 bitte“. Der Schwarze schwitzt auch ohne Kappe lässt die Yoghurts los und das Visa-Kärtchen fallen, hustet, bezahlt schliesslich und rafft mit der freien Hand die Lebensmittel zu einem Haufen zusammen - Platz für mich. Ich werde ihm zeigen, was System bedeutet:
Während das „Fröilein“ meine Ware scannt, schnappe ich mir alles unmittelbar aus ihrer Hand, lasse es kokett in meinen Sack fallen und, bei der 4.letzten Ware, wechsle ich elegant die Hand, stelle den Sack aufs Rollbandende, schiebe lässig die Postcard ein, tippe blindlings den Code und habe bezahlt, noch bevor die Frau 30.40 hauchen kann. Schwebend greife ich gleichzeitig mit je einer Hand nach Karte und Sack, schmiege mich am Schwarzen vorbei (der mich fassungslos anstarrt) und verlasse die Stadt-Migros..
Es ist, als klinge der tosende Applaus mir nach, bis ich im Tram sitze – .........und in der Tasche bereits nach dem Schlüsselbund suche - schliesslich will nachher ich nicht wie ein Trottel in der Manteltasche wühlend vor einer verschlossenen Haustür stehen.