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RA(D)AR

Zu kurze Arme, zu kantiger Hintern, zu unelastischer Nacken – seit Jahren brüste ich mich damit, fürs Radfahren einfach nicht gebaut zu sein. „Es gibt Fussgänger, Autofahrer, und Radfahrerinnen – ich bin eben keins davon“, liess ich bei jeder Gelegenheit verlauten. „Ich hab’ mein Rollbrett!“ Meine persönliche Emanzipation haben also nicht „Knorrli & Stocki“ gebracht, sondern die Abnabelung vom Rad. Als ich meine Kindheits-Gemeinde mit 20 verliess, setzte ich 1999 als letzte Tat den "Hektor" (mein letztes Fahrrad) beim Nachbarhaus aus. Danach kaufte ich mein erstes Skate und erlebte die totale Befreiung: Kein krummer Rücken, keine kalten Hände, keine gefährliche Autos ...- das Leben begann...
... und endete im Juli 2005 (nicht ganz ernst gemeint ☺), als mir ein Kollege, der verreiste, sein Velo in Obhut gab. Um möglichst effizient gegen den Drang zum Aussetzen anzukämpfen, freundete ich mich mit ihm an (dem Velo und liess das Radeln wieder Teil meines Alltags werden
Seither sind fast eineinhalb Jahre vergangen und ich stehe immer noch total am Rand der Berner Mit-dem-Velo-zur-Arbeit-Szene. Ich fühle mich noch immer nicht zugehörig. Die „Echten Radler“ überholen mich, biegen inkorrekt ab, zirkeln um mich rum, wenn ich Depp an der Auto-Ampel verharre und sie tragen diese glitzernden Fuss-Hosen-Halterungen. Ich dagegen bin nun einmal noch sehr zattrig auf dem Gerät und ohne kennzeichnendes Equippment.

Der Wendepunkt kam heute: Geschützt von der milden Abend-Dämmerung wurde ich übermütig, überfuhr meine erste Rote Ampel und lachte dabei lauthals.
Das Resultat: 3 grelle Blitze – 2 von vorne, einer von hinten...
Die zwei netten Polizisten, die mich daraufhin mit dem Auto an den Rand drängten, (?!??) instruierten mich zum Thema Verkehrssicherheit und knöpften mit 60 Franken ab – Übertretung: 615,1
Immerhin: Sie lobten mein Hinten-und-vorne-Velolicht!

p.s: das Positive am Radeln: Ich kann jetzt auch was anderes als Turnschuhe tragen im Ausgang...
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FINDEL-ZEIT

Ein bekanntes Phänomen: Beim Warten bleibt die Zeit stehen, die Verzweiflung an der Untätigkeit wächst und, sobald die Wartezeit vorbei ist, verschwindet die Erinnerung an das mühsame Warten wieder...  Diese Zeit-Wahrnehmungs-Veränderungen sind seltsam. Stehen sie doch eindeutig im Widerspruch dazu, dass man sich in vielen Situationen nach genau solchen Minuten der Ruhe sehnt. Warum also kann man Ruheminuten nicht auch dann nutzen, wenn sie durch Wartrei entstehen? Warum können wir die Zeit, in der wir auf etwas warten, nicht als Vollwertig betrachten, sondern stufen sie als minderwertig, sozusagen als "Findel-Zeit" ein und sehnen uns sogar danach, sie zu vergeuden. Ich begab mich auf die Suche nach einer Methode zum diesbezüglichen Umdenken...

DAS EXPERIMENT: Als ich kürzlich bei der Tram-Station „Hirschengraben“ warten musste, stand auf der Tafel 8 Minuten. Die Zeit blieb abrupt stehen. Ein ausgezeichneter Augenblick also, mein Experiment zu starten. Zu Hause angekommen stellte ich mich kurzerhand in eine Ecke – das Gesicht zur Wand – volle 8 Minuten. Und siehe da, es klappte: Sehr rasch sehnte ich mich nach dem Hirschengraben zurück – dort ist die Zeit nämlich bedeutend rascher verstrichen. (Bei 3 Minuten meldete sich der Innerer Schweinehund mit den Worten „Jetzt hast du ja gesehen wies geht und kannst aufhören“... und ich musste das Experiment wiederholen J.)

Die Quintessenz: Nach den 8 Eck-Minuten schien mir der Rest des Tages wieder gefüllt mit leerer Zeit, die ich mit Aktivität füllen darf. Und das Schönste daran: In den vergangenen 8 Minuten habe ich rein gar nichts verpasst!

 

Siehe auch: Vogelperspektive.

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DAS ENDE DER LEICHTFÜSSIGKEIT

Nein, ich geben niemandem Geld. Nicht weil ich nur wenig davon habe (auch deshalb ☺), doch mir wurde im Kindesalter eingetrichtert, dass es nix bringt, Bettler zu unterstützen.
Also schüttle ich jeweils neurotisch den Kopf beim vorbeihasten „...Dein Geld hilft ihnen nicht weiter, so kriegen sie ihr Leben nie in den Griff, schlimmer noch, sie werden unselbständiger mit jedem Geldschein den sie bekommen...“ – wurde ich gelehrt.
Bis jetzt habe ich, dank dieser Gewissens-Beruhigung, die Berner Bahnhofshalle ziemlich leichtfüssig durchschritten: Ich helfe, indem ich nicht helfe - ganz simpel.
Ab und zu plagte mich jedoch die Frage, ob ich denn konsequenterweise nicht auch die Alten und Blinden hilflos am Strassenrand stehen lassen sollte? Sollten nicht auch sie lernen sich selber zu helfen?
Richtig kompliziert wird’s, wenn sich beide Situationen überlappen. So geschehen vor wenigen Wochen. Beim Bergauf-Radfahren, vernahm ich durch die Kappe hindurch, eine dünne Alte-Frau-Stimme „Sie, Fräulein“ röcheln. Ich riss eine Vollbremsung (bergauf), nahm die Kopfhörer ab, und fragte freundlich bestürzt, was ihr denn fehle... „könnten sie mir wohl 200 Franken leihen, meine AHV ist alle“. Auf einmal fühlte ich mich von der Welt völlig überfordert. Die Frau wollte allen Ernstes mit mir zum Bancomat gehen, und 200 Franken in die Hand gezählt bekommen, damit sie die näxten Wochen „über die Runden“ kommt. Auf meine Frage hin, was sie denn mit ihrer ganzen AHV gemacht hat, meinte sie nur, sie hätte sich verschätzt mit einkaufen und jetzt reiche das Geld nicht bis Ende Monat - plausibel eigentlich. „Dein Geld hilft ihnen nicht weiter...“ - die Worte meiner Mutter geisterten durch meinen Kopf...
Doch, welcher der beiden Kategorien gehört die alte Frau an?
"Blind am Strassenrand" oder "schnorrend in der Bahnhofspassage"? Ich entschied mich für Letzteres und verwies sie aufs Sozialamt.

Später am Abend drückte ich dann einem bettelnden Baby-Punk am Bahnhof einen Fünfliber in die Hand – er guckte kaum hin, steuert seither aber geradewegs auf mich zu, wenn ich im Anmarsch bin... - Tja: Das Ende der Leichtfüssigkeit musste irgendwann kommen...
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DER DOPPEL-SPIEGEL

Als ich kürzlich das Buch „der Teufel von Mailand“ (Martin Suter) las, hatte ich ein typisches Doppel-Spiegel-Erlebnis: Wenn man in einen Spiegel blickt, sich darin erblickt und erblickt wie man sich erblickt u.s.w.... - ein unendlich langer Gang, in beide Richtungen.
Die Protagonistin in „der Teufel von Mailand“ erzählt, wie sie erfuhr, dass sie Synästhetin ist, als sie noch dachte ihre Art zu denken und zu fühlen sei vollkommen normal... Da ich selber durch dieses Buch zum ersten Mal auf den Begriff „Synästhetin“ stiess, der fortan Bestandteil meines Wortschatzes wurde, kam das Spiegel-Feeling auf – und der Gang wird länger und länger, während ich das Erlebte hier eintippe.
Synästhetikerinnen sind Menschen, die verschiedene Ebenen vermischen oder (etwas netter ausgedrückt) verbinden - das Wort kommt schliesslich am ehesten von Synergie...
Kurz erklärt bedeutet dies bei mir, dass ich meinen Mitmenschen und Wochentagen Farben und Zahlen zuordne; mit Orten Kanten und Rundungen verbinde; oder ganz einfach Gefühle farbig und geformt „erlebe“. Bis zur Lektüre von „der Teufel von Mailand“, fand ich dies absolut normal. Nach gründlicher Durchforstung meines Umfeldes merkte ich allerdings, dass diese Eigenschaft eher selten ist und viele Fragen aufwirft.

Ein Blog ist übrigens etwas Dunkelblaues, das Internet ist viereckig und Lesen ist etwas Rundes - noch Fragen?

ps: Falls ich auf diesem Weg auf andere Synästheten oder Synästhetinnen treffe: Bitte melden!
Mich würde interessieren, ob es in der Wahrnehmung parallelen gibt. DANKE
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