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DER KLASSISCHE DUZIS-MACHER

Mein Name ist der klassische „Duzis-Macher“: Ich marschiere auf einen Menschen zu, strecke meine Hand aus und stelle mich vor: „Sahli“. Die Antwort ist dann nicht selten „Ach, in dem Fall bin ich gleich der Thomas“.
Auch wenn die betroffenen Thomasse, Hanspeters oder Erikas, nach der leidigen Erklärung, dass „Sahli“ Name und nicht Grussfloskel sei, erröten und hysterisch zu kichern beginnen – meist bleibt es danach für immer beim „Duzis“. Ein Zurück gibts nicht.
So kommt’s, dass ich heute mit diversen Emmentaler Behördenmitglieder Per-Du bin, deren Konterfei ich nicht einmal auf einem Kopfgeldplakat mit Belohung wieder erkennen würde...
Warum, frage ich mich manchmal, ist dieses Duzis-Machen eigentlich eine derartig festgefahrene Einweggeschichte? Die Umkehrfunktion würde doch, gerade im Fall von kurzfristigen Bekanntschaften, Trinkbekanntschaften, alten Schulfreunden oder unliebsamen Verwandten, viel mehr Sinn machen, als der Grossteil aller Duzis-Schliessereien?
Die Frage erübrigt sich, sobald man sich das Beispiel zum Gedanken vorstellt....: “Entschuldige Thomas, aber dürfte ich Dir das Sie anbieten? Ich finde, wir kennen uns gar nicht gut genug... „ – ehrlich, aber undenkbar in unserer Gesellschaft...

Tja, die einzige Lösung, die mir auf die Schnelle einfällt... ich taufe mein Kind einmal Meier, Müller oder gleich Sahli Sahli ?!??

ps: Wenn jemand eine bessere Idee hat, bitte melden ☺
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HINSEH-TAG

Als ich neulich gedankenverloren die Strasse entlang ging, kamen mir 5 Jugendliche entgegen: 16 bis 20 jährig, hip-hop-Stil und schlurfenden Schrittes. Soweit hatte ich damit kein Problem, bis auf die ewig quälenden Fragen: Wen blicke ich an? Blicke ich überhaupt einen von ihnen an? Wenn ja, welchen, ab wann und wie lange? Oder blicke ich besser an der Gruppe vorbei? Wohin denn? Über sie drüber, neben ihnen durch oder runter auf den Asphalt?
Ich wusste es nicht und konzentrierte mich lieber darauf, nicht zu langsam und nicht zu schnell zu gehen (solange bis ich fast verlernte zu gehen...) und, ich entschied mich einmal mehr für ein diskretes Wegsehen.
Schliesslich lebe ich in einer „Kultur des Wegsehens“. Diese Erkenntnis und der Gedanke daran, dass die meisten meiner Leserinnen ebendieses Phänomen kennen, beruhigte mich. Die beruhigende Erkenntis wurde auf dem Heimweg im Tram ruckartig ins Wanken gebracht. Das Kind im Wägeli vor mir starrte mich nämlich unverwandt an. Ich lächelte - es starrte, ich guckte weg und gleich wieder hin - es starrte noch immer, ich schnitt eine Grimasse - es starrte...
Fazit: Die „Kultur des Wegsehens“ ist keineswegs angeboren, sondern vielmehr antrainiert/ansozialisiert und gilt demnach unbedingt zu brechen... ;)

Experiment: DER HINSEH-TAG
Die einfache Regel: Wenn etwas meine Aufmerksamkeit – durch Geräusche, Schönheit, Kuriosität oder Bewegung – auf sich zieht, schaue ich hin. Solange und intensiv wie der Verusacher von Interesse ist.
Der erste Hinsehtag war heute...
... die Reaktion der „Angestarrten“ war verblüffend: Sie schauten zurück, lächelten und die meisten öffneten sogar den Mund und begannen ihr eigenes Verhalten zu kommentieren!
Erfolg auf der ganzen Linie also? Nicht ganz: Ein musikhörender Mittfünfziger fragte anrüchig lächend: "Kennen wir uns junge Frau?" ... - is ja zum Glück nur ein Experiment!
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DIE BLUMENSTRAUSS-PARABEL

Ich weiss nicht, ob ich die Bücher von Paulo Coelho mag oder nicht.
Meist entscheide ich mich für JA, denn sie regen Nachdenken an, dann wieder lege ich eins von ihnen weg, weil mir die Art, wie der Schriftsteller einzelne Begriffe liebt, auf die Nerven geht. Ein solcher Begriff ist (dt.) „DIE GEFÄLLIGKEITSBANK“. Damit meint Paulo Coelho die „Kredite“, die wir uns bei anderen Menschen rausschinden, indem wir ihnen Gutes tun. „Öppis ds guet ha“ – in Mundart.
Paulo Coelho entwirft auf den ersten Seiten des Buches „der Zahir“ diesen Begriff und verliebt sich auf jeder Seite mehr in ihn. Immer häufiger greift er auf ihn zurück auf und schlachtet das Thema aus. - Nicht sehr differenziert allerdings.
Ich zum Beispiel bin nicht einer Meinung mit Coelho, was die Funktion einer solchen „GEFÄLLIGKEITSBANK “ angeht. Diese funktioniert im realen Leben nämlich selten linear. Oder kann ich tatsächlich immer so viel für mich abheben, wie ich einbezahlt habe?
Oft ist genau das Gegenteil der Fall: Viele zahlen ein und ein Dritter hebt die Summe ab. Weil er spontan vorbeikommt, weil er anders ist oder gerade weil er nie pünktlich bezahlt oder gar verschuldet ist...
Manchmal bin ich diese Person, manchmal ist es jemand anderer.

Da dies alles sehr abstrakt klingt, eine kleine Parabel:
Familie x hat zwei Kinder. Eins, das seinen Eltern Freude bereitet und eins, das sich um nichts und niemanden schert, ausser um sich selber. Eines morgens beschliessen beide Kinder spontan, der Mutter ein Geschenk zu bringen....
Kind 1 kauft von seinem Ersparten einen riesigen Blumenstrauss, Kind 2 pflückt im Garten ein paar Blumen. Frage: Über wessen Blumenstrauss freut die Mutter sich wohl mehr?

Lieber Paulo Coelho... schön wärs, wenn die GEFÄLLIGKEITSBANK tatsächlich häufiger funktionieren täte.
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