DER LESERBRIEF
In meiner Print-Journi-Ära hatte ich nicht selten mit Reaktionen aus der Bevölkerung, den so genannten "Leserbriefen", zu tun. Diese kleinen, gemeinen, meist sehr wirren Zeilen, die irgendwelche Menschen aus ihrem Frust heraus zu Papier gebracht und an die Redaktionen versandt haben. Jahrelang habe ich mich gefragt: Wer tut so ewas? - Seit heute gehöre ich selber zu der Spezies: Ich habe einen Leserbrief verfasst & verschickt!
Dies, als Reaktion auf einen Artikel vom 18.05.07 mit dem unsinnigen Titel "Kampfansage an die Pünktchen"...
Wer Zeit und Muse hat meinen persönlichen Schlagabtausch zu lesen, bitteschön:
AUSSCHNITTE AUS DEM ARTIKEL (Berner Zeitung vom 18.05.07):
Kampfansage an die Pünktchen
Mit der Sonne kommen die Hautflecken – die meisten finden sie eher suspekt als hübsch. Tricks und Schminke schaffen Abhilfe...
Die Haut ist einer der stärksten Attraktivitätsfaktoren überhaupt. Je glatter sie ist, desto mehr gefällt sie. Ästhetisch störend sind nicht nur Falten, sondern auch Unregelmässigkeiten wie Pigmentflecken. Man stelle sich bloss einmal Mona Lisa oder Angelina Jolie mit Flecken im Gesicht vor. Das geht irgendwie nicht...
... die wenigen Models mit Sommersprossen wie zum Beispiel Cintia Decker oder Alyssa Sutherland sind alles andere als grosse Stars. Sie haben die gleiche Funktion wie die Models mit abstehenden Ohren oder asymmetrischem Gesicht: Als Abweichung von der Norm sind sie ein Hingucker, aber gelten nicht als schön. Dasselbe gilt für schwarze vereinzelte Punkte oder die eher helleren Altersflecken.
... Wer weiss, vielleicht hatte auch Kleopatra Pigmentflecken und hätte ohne Make-up bei Cäsar keine Chance gehabt...
...Leider bleiben jedoch Normalsterbliche meist nicht von Pigmentflecken verschont: ein riesiger Markt für Kosmetiklabels wie Nivea, Shiseido oder Yves Rocher...
... Als wirksamste Strategie, Pigmentflecken zu vermeiden, empfiehlt Dermatologe Bayard, die Sonne zu meiden: «Auf den Füdlibacken haben die meisten ja auch keine Flecken – ausser sie sonnen sich nackt.»
MEINE REAKTION
Menschen unterscheiden sich unter anderem durch äußere Merkmale wie Augen-, Haar- oder Hautfarbe. Diesen Umstand streitet keiner ab und es wird sich auch niemand anmaßen, wertend gegen das eine oder andere menschliche Merkmal vorzugehen. Oder doch?
Der Artikel „Kampfansage an die Pünktchen“ (18.05.2007) ist mit Abstand das Despektierlichste, was ich je in einer Tageszeitung gedruckt gefunden habe.
«Die meisten finden sie eher suspekt als hübsch», so der Allgemeinplatz der Verfasserin zum Thema Sommersprossen. Allein diese Aussage ist fragwürdig - oder gibt es irgendwelche Studien, die dies belegen? Weiter geht’s mit folgendem Frage- Antwortspiel: „man stelle sich bloß einmal Mona Lisa oder Angelina Jolie mit Flecken im Gesicht vor. Das geht irgendwie nicht“. Hier stelle ich als hellhäutige, sommersprossige Leserin mir die Frage: «warum denn nicht?».
Im Verlaufe des Artikels werde ich unter anderem mit der Theorie konfrontiert, dass Kleopatra ihr Liebesglück einzig ihrer makellosen Gesichtshaut zu verdanken hat oder, dass Sommersprossen an einem Mannequin mit abstehenden Ohren gleichzusetzen sind. Meiner Ansicht nach sind dies allesamt Aussagen, die rassistisches Gedankengut in sich tragen. Wäre es zum Beispiel in Ordnung, selbigen Artikel, statt über sommersprossige, über dunkelhäutige Menschen zu verfassen? Ich glaube, zumindest bei Ersterem, käme die Verfasserin des Textes rasch in Konflikt mit der geltenden Gesetzgebung. Die allgemeine Feststellung, Pigmentflecken seien «unvorteilhaft» und «ästhetisch störend» ist, meiner Meinung nach, in einer Tageszeitung ethisch in keiner Weise vertretbar.
Die Aussage des befragten Dermatologen: «auf den Füdlibacken haben die meisten ja auch keine Flecken – ausser sie sonnen sich nackt» wirft bei mir ausserdem die Frage auf: «Findet die Verfasserin, dass ich als sommersprossiger Mensch, anstelle meines gepunkteten Kopfes, lieber ein „Füdli“ auf dem Hals tragen würde?».
Zu guter Letzt sind auf der Seite (Rubrik «Genießen») Kosmetika abgebildet, mit denen sommersprossige Menschen ihren „Pünkten den Kampf ansagen“ können – auch das, ziemlich fehl am Platz. So verschieden die Menschen sind, so verschieden sind nämlich auch deren Geschmäcker.
Etwas Gutes hatte der Artikel trotzdem: Ich habe als 28 jährige, blonde Schweizerin zum ersten Mal in meinem Leben wirklich nachfühlen können, was es bedeutet, rassistisch angegriffen zu werden.
ICH KOMME MIR ZWAR VOR WIE EINE ALTE NÖRGELNDE LESERBRIEFTANTE UND WERDS ZIEMLICH SICHER NIE WIEDER TUN, ABER DAS MUSSTE SEIN!
Dies, als Reaktion auf einen Artikel vom 18.05.07 mit dem unsinnigen Titel "Kampfansage an die Pünktchen"...
Wer Zeit und Muse hat meinen persönlichen Schlagabtausch zu lesen, bitteschön:
AUSSCHNITTE AUS DEM ARTIKEL (Berner Zeitung vom 18.05.07):
Kampfansage an die Pünktchen
... die wenigen Models mit Sommersprossen wie zum Beispiel Cintia Decker oder Alyssa Sutherland sind alles andere als grosse Stars. Sie haben die gleiche Funktion wie die Models mit abstehenden Ohren oder asymmetrischem Gesicht: Als Abweichung von der Norm sind sie ein Hingucker, aber gelten nicht als schön. Dasselbe gilt für schwarze vereinzelte Punkte oder die eher helleren Altersflecken.
... Wer weiss, vielleicht hatte auch Kleopatra Pigmentflecken und hätte ohne Make-up bei Cäsar keine Chance gehabt...
...Leider bleiben jedoch Normalsterbliche meist nicht von Pigmentflecken verschont: ein riesiger Markt für Kosmetiklabels wie Nivea, Shiseido oder Yves Rocher...
... Als wirksamste Strategie, Pigmentflecken zu vermeiden, empfiehlt Dermatologe Bayard, die Sonne zu meiden: «Auf den Füdlibacken haben die meisten ja auch keine Flecken – ausser sie sonnen sich nackt.»
MEINE REAKTION
Menschen unterscheiden sich unter anderem durch äußere Merkmale wie Augen-, Haar- oder Hautfarbe. Diesen Umstand streitet keiner ab und es wird sich auch niemand anmaßen, wertend gegen das eine oder andere menschliche Merkmal vorzugehen. Oder doch?
Der Artikel „Kampfansage an die Pünktchen“ (18.05.2007) ist mit Abstand das Despektierlichste, was ich je in einer Tageszeitung gedruckt gefunden habe.
«Die meisten finden sie eher suspekt als hübsch», so der Allgemeinplatz der Verfasserin zum Thema Sommersprossen. Allein diese Aussage ist fragwürdig - oder gibt es irgendwelche Studien, die dies belegen? Weiter geht’s mit folgendem Frage- Antwortspiel: „man stelle sich bloß einmal Mona Lisa oder Angelina Jolie mit Flecken im Gesicht vor. Das geht irgendwie nicht“. Hier stelle ich als hellhäutige, sommersprossige Leserin mir die Frage: «warum denn nicht?».
Im Verlaufe des Artikels werde ich unter anderem mit der Theorie konfrontiert, dass Kleopatra ihr Liebesglück einzig ihrer makellosen Gesichtshaut zu verdanken hat oder, dass Sommersprossen an einem Mannequin mit abstehenden Ohren gleichzusetzen sind. Meiner Ansicht nach sind dies allesamt Aussagen, die rassistisches Gedankengut in sich tragen. Wäre es zum Beispiel in Ordnung, selbigen Artikel, statt über sommersprossige, über dunkelhäutige Menschen zu verfassen? Ich glaube, zumindest bei Ersterem, käme die Verfasserin des Textes rasch in Konflikt mit der geltenden Gesetzgebung. Die allgemeine Feststellung, Pigmentflecken seien «unvorteilhaft» und «ästhetisch störend» ist, meiner Meinung nach, in einer Tageszeitung ethisch in keiner Weise vertretbar.
Die Aussage des befragten Dermatologen: «auf den Füdlibacken haben die meisten ja auch keine Flecken – ausser sie sonnen sich nackt» wirft bei mir ausserdem die Frage auf: «Findet die Verfasserin, dass ich als sommersprossiger Mensch, anstelle meines gepunkteten Kopfes, lieber ein „Füdli“ auf dem Hals tragen würde?».
Zu guter Letzt sind auf der Seite (Rubrik «Genießen») Kosmetika abgebildet, mit denen sommersprossige Menschen ihren „Pünkten den Kampf ansagen“ können – auch das, ziemlich fehl am Platz. So verschieden die Menschen sind, so verschieden sind nämlich auch deren Geschmäcker.
Etwas Gutes hatte der Artikel trotzdem: Ich habe als 28 jährige, blonde Schweizerin zum ersten Mal in meinem Leben wirklich nachfühlen können, was es bedeutet, rassistisch angegriffen zu werden.
ICH KOMME MIR ZWAR VOR WIE EINE ALTE NÖRGELNDE LESERBRIEFTANTE UND WERDS ZIEMLICH SICHER NIE WIEDER TUN, ABER DAS MUSSTE SEIN!
Kommentare
Viel zu sagen habe ich nicht..
ausser.. mir gefallen Sommersprossen..
find ich total süss....
Mist.. ich bin nicht mehrheitstauglich... ;-)
rah
@ 21.05.2007 17:18 CEST
sie seltsamer mensch sie...! ich glaube sie schreiben das nur, weil sie mit ihren langen haaren auch die liebe mühe haben, von ihrer umwelt akzeptiert zu werden :)
danke...
sie seltsamer mensch sie...! ich glaube sie schreiben das nur, weil sie mit ihren langen haaren auch die liebe mühe haben, von ihrer umwelt akzeptiert zu werden :)
danke...
deine sommersprossen (und auch jene anderer menschen) sind etwas wunderschönes - und sollen auch nicht vertuscht oder gar weggeätzt werden.
schad um all das zeitungspapier. wer weiss, vielleicht steht das nächste mal unter der rubrik "geniessen", wie man eine gezielte ethnische säuberung vollzieht....
bleib so natürlich wie du bist, denn das ist es, was ich an dir u.a. so liebe!
rah
@ 21.05.2007 19:32 CEST
merci lieber lobo, dann werf ich halt die kosmetika wieder weg, die ich vor lauter angst, wegesäubert zu werden, bereits gekauft hab :)
mercischön
merci lieber lobo, dann werf ich halt die kosmetika wieder weg, die ich vor lauter angst, wegesäubert zu werden, bereits gekauft hab :)
mercischön
liebe Rahel
Wenn ich nicht wüsste, dass du weit über der Sache stehst würde mich dieser artikel nerven. Gerade deine Sommersprossen sind es die dich zu dem machen was du bist, nämlich die bezaubernste, schönste Tochter die sich ein Vater vorstellen kann!
Pa
merci :)
jaja, drüber stehen tut man ja schon, aber trotzdem... haiaiai!
grusslein ausm emmental
...sie schreiben flüssig und interessant. bravo!
aufbauende kritik möchte ich nicht an sommersprossen oder ähnlichem üben, sondern höchstens an ihrer punkt- und kommasetzung. wenn sie im sommer 07 in dieser disziplin eine sprosse höher kommen möchten: tschasst meil!
erwarten sie aber bitte keine sommersprossen von mir; die hab ich nicht - und die stehen anderen (sicher) viel besser!
sommerliche grüsse, auch an ihren papa
rah
@ 31.05.2007 22:15 CEST
danke für die blumen :)
inwiefern können sie mir denn bei nicht-haut-bedingten interpunktionen weiterhelfen? geben sie komma-kurse?
verregnete grüsse, r
danke für die blumen :)
inwiefern können sie mir denn bei nicht-haut-bedingten interpunktionen weiterhelfen? geben sie komma-kurse?
verregnete grüsse, r
rah
@ 31.05.2007 22:20 CEST
... ach, jetzt hab ich gleich selber herausgefunden, wo ich sie finden kann...
tiptop! ich werd mich bei Bedarf an sie wenden.
liebgruss
... ach, jetzt hab ich gleich selber herausgefunden, wo ich sie finden kann...
tiptop! ich werd mich bei Bedarf an sie wenden.
liebgruss
mariposa
@ 31.05.2007 23:13 CEST
Ach Rah, schade eigentlich, dass ich deinen Pa noch nicht kennengelernt habe (doch, einmal bin ich ihm von weitem begegnet, bei der Zyliss in Lyss glaubich, zu BT-Zeiten). Seine Worten rühren mich. Ich schlucke meine Tränen aber runter, denn wer will schon vor den Eltern flennen. Schön, wunderschön zu wissen, dass mein Pa vielleicht ähnlich reagieren würde - auch wenn meine Sprossen längst nicht so schön sind wie deine... bis bald
Ach Rah, schade eigentlich, dass ich deinen Pa noch nicht kennengelernt habe (doch, einmal bin ich ihm von weitem begegnet, bei der Zyliss in Lyss glaubich, zu BT-Zeiten). Seine Worten rühren mich. Ich schlucke meine Tränen aber runter, denn wer will schon vor den Eltern flennen. Schön, wunderschön zu wissen, dass mein Pa vielleicht ähnlich reagieren würde - auch wenn meine Sprossen längst nicht so schön sind wie deine... bis bald
rah
@ 01.06.2007 13:15 CEST
na auf jeden fall ist er jetzt erschienen der leserbrief!
gemerkt hab ichs, als heute morgen das telefon klingelte und eine sympathiebekundung von einem fremden menschen kam - das ist echtes "gedacht-getan" würd ich sagen!!!
na auf jeden fall ist er jetzt erschienen der leserbrief!
gemerkt hab ichs, als heute morgen das telefon klingelte und eine sympathiebekundung von einem fremden menschen kam - das ist echtes "gedacht-getan" würd ich sagen!!!
Vero
@ 01.06.2007 20:07 CEST
Liebe Rah
Hab den Leserbrief soeben gelesen - hier in Richterswil erhalte ich die BZ eben erst abends... Toll, dass Du für die Sommersprossen einstehst!!! Ich bin auf meine auch stolz und hab mich deswegen bis jetzt noch nie diskriminiert gefühlt.
Ich werde den Artikel vom 18. Mai dann noch gleich lesen - nicht auch um einmal ein Ahnung davon zu erhalten, wie es ist, wenn man diskriminiert wird :).
Liebe Grüsse von der rotblonden Unikollegin *V*
Liebe Rah
Hab den Leserbrief soeben gelesen - hier in Richterswil erhalte ich die BZ eben erst abends... Toll, dass Du für die Sommersprossen einstehst!!! Ich bin auf meine auch stolz und hab mich deswegen bis jetzt noch nie diskriminiert gefühlt.
Ich werde den Artikel vom 18. Mai dann noch gleich lesen - nicht auch um einmal ein Ahnung davon zu erhalten, wie es ist, wenn man diskriminiert wird :).
Liebe Grüsse von der rotblonden Unikollegin *V*
hihi :) merci liebe vero. ich fand den artikel einfach unglaublich. ansonsten bin ich ja nicht so die leserbriefschreiberin als selber medienschaffende. aber der musste sein. ich bin gespannt, ob sich die autorin bei mir meldet, eigentlich müsste sie fast...
liebe gruess, bis glii,
r
Liebe Rah,
du hast recht!
Schön dass wir unseren Lohn nicht den Kosmetikmultis geben, sondern uns ein schönes Bikini kaufen. Schön dass wir in unserer Freizeit nicht gegen Sommersprossen kämpfen müssen, sondern in die Badi gehen können - damit die Pünktli an der Sonne noch schöner werden!
Au revoir und e Gruess
Cinzia
rah
@ 04.06.2007 15:20 CEST
hey cinzia!
:) dank dir für die unterstützung!!!
und, ja, ich geh jetzt eine woche ans meer und werde wohl dann aufs herrlichste verpunktet sein...
gruess zrügg
rah
hey cinzia!
:) dank dir für die unterstützung!!!
und, ja, ich geh jetzt eine woche ans meer und werde wohl dann aufs herrlichste verpunktet sein...
gruess zrügg
rah
guuut gemacht. solche leserbriefe und sommersprossen braucht das land!
rah
@ 05.06.2007 17:12 CEST
dank dir! es lebe die pressefreiheit die im falle des artikels mindestens ebenso stark ausgenutzt wurde wie im falle meines leserbriefs :)
gruss, r
dank dir! es lebe die pressefreiheit die im falle des artikels mindestens ebenso stark ausgenutzt wurde wie im falle meines leserbriefs :)
gruss, r
A
@ 06.06.2007 21:29 CEST
Sommersprossen sind doch Gesichtspunkte! Schon schade wenn man die nicht besitzt. Ich kann nicht ohne meine Pünktli :-)
Gruss A
Sommersprossen sind doch Gesichtspunkte! Schon schade wenn man die nicht besitzt. Ich kann nicht ohne meine Pünktli :-)
Gruss A
rah
@ 14.06.2007 11:37 CEST
sag ich auch: nicht ohne meine pünktli! das ist ein ausgezeichneter ansatz...
gruss, r
sag ich auch: nicht ohne meine pünktli! das ist ein ausgezeichneter ansatz...
gruss, r
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