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BLECHTIERE

Sie machen keine Geräusche. Doch, sie machen Geräusche aber ich höre nichts davon. Auch ich mache Geräusche, die ich nicht höre. Was ich höre ist bloss Musik – laute, klassische Musik auf DRS 2.
Die Uhr zeigt 03.50 ich bin im Auto unterwegs zur Arbeit. Auch andere Autos sind unterwegs. Sie nähern sich mir wie winzige Tiere, die rasch grösser werden. Sie tauchen gruppenweise auf, erscheinen irgendwie ferngesteuert. Wahrscheinlich weil eines von ihnen zu langsam fährt und sich die anderen aufstauen oder aber weil sie allesamt froh sind, wenn sie in der finsteren Nacht nicht allein sind und sich einem anderen Tier anhängen können. Mir geht es genauso. Am liebsten schleicht mein Tier um diese Uhrzeit einem anderen hinterher. Kommt eines von ihnen jedoch dem meinen von hinten zu nahe, verunsichert mich dies und ich stelle umgehnde meine klassische Musik leiser. Ich staune immer wieder über diese Gefühle...
Mir geht der Gedanke durch den Kopf, dass ich mit diesen anderen Menschen, die mir da begegnen, sprechen würde, wären sie nicht in Blech gehüllt. Wir würden uns darüber wundern was wir um diese Zeit auf der Strasse zu suchen haben, wir würden und anlächeln, uns wieder erkennen am nächsten Morgen – ja, wir wären auf eine Art Verbündete. So aber, mit unseren Blechtieren rundherum, wissen wir nicht einmal sicher, ob in jeder dieser Hülle nauch ein weicher Kern sitzt. Seltsam, seltsam...
Und doch: Irgendwie ist das Verhalten dieser frühmorgendlichen Blechtiere viel realistischer als meine Utopie davon, wie es wäre, ohne das ganze Blech drumherum. Unbewusst zielen die Blechtiere nämlich auf eine perfekte Mischung zwischen möglichst viel physischer Nähe und innerer Distanz - gar nicht so unmenschlich, würd ich meinen.
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DER BLAUE JUNGE

Blau ist die Farbe der Hoffnung, blau ist die Iris seiner Augen, blau sein Pullover und blassblond seine Haare. Der 14-Jährige blickt mich erwartungsvoll an. Er ist heute mein Schnupperstift, guckt mir beim Alltag zu und will herausfinden, ob dieser Beruf in ferner Zukunft auch mal seiner sein könnte.
Eine Situation, die ich bisher immer gelassen genommen habe, wird zur Meisterprüfung. Bei diesem Jungen mit dem blauen Blick komme ich ins Grübeln. Mehr noch, ich sehe mir selber bei der Arbeit zu: Hektik, Zeitdruck, Oberflächlichkeit, 100 Dinge und Aufgaben parallel - unter dem blauen Blick werde ich mit jeder Minute unsicherer.
Nach rund 6 Stunden jedoch, kommt überraschend die Frage: „Was muss ich tun, um so zu werden wie Du?“ – schlagartig fühle ich mich wie eine Malerin vor einer weissen Leinwand. Der blaue Junge hat die Zukunft vor sich, er ist voller Hoffnung, er kann die Weichen stellen und jeder Satz den ich jetzt sage ist wichtig.
In meiner Vorstellung reicht mir der Junge den Pinsel zu seiner Leinwand und guckt mich hoffnungsvoll an. Und ich weiss genau, der Pinsel, den ich in der Hand halte, ist hundert mal zukunftsweisender als der, den seine Eltern, Lehrer, Geschwister und sonstigen Bekannten je überreicht bekommen werden.
Ich halte die Zeit an, halte in der Arbeit inne, lasse sämtliche Deadlines fallen, lehne mich zurück und denke gründlich nach...
Mit einem Rucksack voller philosophischer Gedanken, voller ernst gemeinter Ratschläge und ausgestattet mit einer kritischen Haltung gegenüber dem aktuellen Bildungssystem, schicke ich den blauen Jungen schliesslich nach Hause – und: die Freude an meinem Beruf ist grösser denn je!
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