DIE KEHRSEITE DES SEHENS
Ja, tatsächlich: Es ist mir „wie Schuppen von den Augen gefallen“ - gestern war der Tag, an dem ich die Welt mit anderen Augen zu sehen begann: Ich holte meine lang erwartete erste Brille ab.
Meine Sehschwäche haben alle rund um mich Jahre vor mir festgestellt (Schriftgrösse 14, bei 120% und zusammengekniffene Augen sind ein deutliches Indiz für die Notwendigkeit einer Brille).
Der Weg zum tatsächlichen Brillenbesitz jedoch war steinig. Was muss man denn als Laie dafür tun? Ich hatte keine Ahnung. Die Brillenbesitzer sprachen allesamt in Rätseln von ihren unterschiedlichen Dioptrien, die Brillenlosen hatten keine Ahnung oder sagten einheitlich „ach ja, ich sollet auch schon lange...“.
Ich wählte deshalb den Weg des geringsten Widerstandes und liess ich mich von der Werbung leiten (Wenn du noch mal zurückkönntest, würdest du etwas anders machen? Ja, ich würde von Anfang an meine Brille bei XX kaufen) ging in die nächste XX-Filiale, liess mir zur ersten Brille gratulieren und umgehend eine entsprechende anfertigen.
Gestern war dann also der grosse Tag: Per SMS wurde mir mitgeteilt: „Ihre Bestellung 05600 0251 000 55 0 ist abholbereit...“ - ich folgte dem Befehl und erwartete mit Freuden, was die mir bekannten Brillenträger prophezeit hatten. Nämlich, dass ich die Welt fortan völlig neu erleben würde. Intensivere Farben, überwältigende Kontraste, hübschere Mitmenschen...
Dass dieser neu gewonnene Durchblick aber auch seine Kehrseite hat, hat mir die Gilde der Brillenbesitzer leider verschwiegen.
Das Erste, was mein "neues" Auge erspähte war nämlich eine Schuppe auf der Schulter der Frau Fielmann. Eine Stunde später dann schwarze Haare auf einem weissen Jackenkragen, Falten in den müden Gesichtern meiner Mitmenschen...
Der Höhepunkt erreichte mein Trip in die Sehschärfe“ auf dem Fahrrad. Durch die Tatsache, dass ich seit langem wieder einmal den Boden unter dem Rad wahrnahm kam ich mir irgendwie zusammengequetscht vor, wie eine Zwergin auf einem Zwergenvelo. Im Moment wünsche ich mir nichts sehnlicher als wieder mit zusammengekniffenen Augen die Karte im Tibits zu studieren. Aber eben, wenn die Brille schon gepostet ist...
Meine Sehschwäche haben alle rund um mich Jahre vor mir festgestellt (Schriftgrösse 14, bei 120% und zusammengekniffene Augen sind ein deutliches Indiz für die Notwendigkeit einer Brille).
Der Weg zum tatsächlichen Brillenbesitz jedoch war steinig. Was muss man denn als Laie dafür tun? Ich hatte keine Ahnung. Die Brillenbesitzer sprachen allesamt in Rätseln von ihren unterschiedlichen Dioptrien, die Brillenlosen hatten keine Ahnung oder sagten einheitlich „ach ja, ich sollet auch schon lange...“.
Ich wählte deshalb den Weg des geringsten Widerstandes und liess ich mich von der Werbung leiten (Wenn du noch mal zurückkönntest, würdest du etwas anders machen? Ja, ich würde von Anfang an meine Brille bei XX kaufen) ging in die nächste XX-Filiale, liess mir zur ersten Brille gratulieren und umgehend eine entsprechende anfertigen.
Gestern war dann also der grosse Tag: Per SMS wurde mir mitgeteilt: „Ihre Bestellung 05600 0251 000 55 0 ist abholbereit...“ - ich folgte dem Befehl und erwartete mit Freuden, was die mir bekannten Brillenträger prophezeit hatten. Nämlich, dass ich die Welt fortan völlig neu erleben würde. Intensivere Farben, überwältigende Kontraste, hübschere Mitmenschen...
Dass dieser neu gewonnene Durchblick aber auch seine Kehrseite hat, hat mir die Gilde der Brillenbesitzer leider verschwiegen.
Das Erste, was mein "neues" Auge erspähte war nämlich eine Schuppe auf der Schulter der Frau Fielmann. Eine Stunde später dann schwarze Haare auf einem weissen Jackenkragen, Falten in den müden Gesichtern meiner Mitmenschen...
Der Höhepunkt erreichte mein Trip in die Sehschärfe“ auf dem Fahrrad. Durch die Tatsache, dass ich seit langem wieder einmal den Boden unter dem Rad wahrnahm kam ich mir irgendwie zusammengequetscht vor, wie eine Zwergin auf einem Zwergenvelo. Im Moment wünsche ich mir nichts sehnlicher als wieder mit zusammengekniffenen Augen die Karte im Tibits zu studieren. Aber eben, wenn die Brille schon gepostet ist...
Kommentare
saychicken
@ 07.01.2008 10:12 CEST
Musst du also auch eine Brille tragen. Seit kurzem ziert auch mein Gesicht so ein Gestell. Allerdings bin ich kurzsichtig, sehe also Fernes schlecht (oder wars umgekehrt, keine Ahnung, bin noch nicht so im Brillen-Slang zu Hause). Egal, wenn ich die Brille brauche, habe ich sie eh nie dabei. Wie letzthin in Kino. Machte aber nichts, der Film war dennoch mehr als tiptop. "The Darjeeling Limited", erhält glatte fünf Sterne von mir. Hättest du übrigens Interesse an einem neuen, etwas besser bezahlten Job (Blattmacherin)? Oder verdienst du aus Prinzip und Solidarität mit welchem Land auch immer, viel zu wenig? Bei Interesse melde ich einfach. A ja, no es guets Nöis.
Musst du also auch eine Brille tragen. Seit kurzem ziert auch mein Gesicht so ein Gestell. Allerdings bin ich kurzsichtig, sehe also Fernes schlecht (oder wars umgekehrt, keine Ahnung, bin noch nicht so im Brillen-Slang zu Hause). Egal, wenn ich die Brille brauche, habe ich sie eh nie dabei. Wie letzthin in Kino. Machte aber nichts, der Film war dennoch mehr als tiptop. "The Darjeeling Limited", erhält glatte fünf Sterne von mir. Hättest du übrigens Interesse an einem neuen, etwas besser bezahlten Job (Blattmacherin)? Oder verdienst du aus Prinzip und Solidarität mit welchem Land auch immer, viel zu wenig? Bei Interesse melde ich einfach. A ja, no es guets Nöis.
tja, wir armen b-schlangen :)
kurzichtig ist das gegenteil von in die ferne schlecht, glaub.
wo job? wann job?
äs guets nöis und bis glii mau?
r
ikul
@ 09.01.2008 00:45 CEST
«Der Text gefällt mir gut - wenn Du jetzt Deine Legasthenie noch in den Griff bekommst, sogar sehr gut.» Dies war der Kommentar meines Chefs nachdem ich ihm einen soeben verfassten PR-Artikel vorgelegt hatte.
Und dieser Kommentar war auch der Auslöser für meinen ersten Gang zum Optiker.
Damit die Krankenkasse sicher bezahlt, sollte man beim «Ersten Mal» korrekterweise zu einem Augenarzt gehen. Mein Optiker sagte mir aber, dass er einen so guten Ruf habe, dass die Kasse wahrscheinlich trotzdem bezahlen werde.
Bei diesem - sogar in Krankenkassenkreisen anerkannten - Ruf akzeptierte ich die diagnostizierte Hornhautverkrümmung natürlich umgehend. Mehr Zeit benötigte ich für die Auswahl des Brillengestells. Denn dieses muss schliesslich zu Typ, Beruf, Musikgeschmack, Haarfarbe, Kleider, Lieblingsessen und Wohnungseinrichtung passen. Ich entschied mich für das Modell schwarze «Architektenbrille» (Zitat eines Freundes, selbst Brillenträger).
Die «Kehrseite des Sehens» erlebte ich dann am zweiten Tag als Brillenträger: Bereit für ein Nachtessen im Restaurant, werfe ich einen letzten Kontrollblick in den Spiegel, drehe den Kopf nach links, nach rechts und was sehe ich da: Meine Brille ist nicht schwarz sondern dunkelbraun! Und genau dies ist wohl die Ironie des «neu gewonnenen Durchblicks»: Die erste Brille wählt man immer ohne Durchblick aus.
Dem am Anfang erwähnten Text gab ich übrigens die Headline «Jetzt nehmen Sie Ihre Gesundheit selbst in die Hand». Ob schwarzes oder braunes Brillengestell: Manchmal habe ich tatsächlich das Gefühl, dass ich mit einem einzigen Handgriff meine Augen wieder gesund machen kann.
«Der Text gefällt mir gut - wenn Du jetzt Deine Legasthenie noch in den Griff bekommst, sogar sehr gut.» Dies war der Kommentar meines Chefs nachdem ich ihm einen soeben verfassten PR-Artikel vorgelegt hatte.
Und dieser Kommentar war auch der Auslöser für meinen ersten Gang zum Optiker.
Damit die Krankenkasse sicher bezahlt, sollte man beim «Ersten Mal» korrekterweise zu einem Augenarzt gehen. Mein Optiker sagte mir aber, dass er einen so guten Ruf habe, dass die Kasse wahrscheinlich trotzdem bezahlen werde.
Bei diesem - sogar in Krankenkassenkreisen anerkannten - Ruf akzeptierte ich die diagnostizierte Hornhautverkrümmung natürlich umgehend. Mehr Zeit benötigte ich für die Auswahl des Brillengestells. Denn dieses muss schliesslich zu Typ, Beruf, Musikgeschmack, Haarfarbe, Kleider, Lieblingsessen und Wohnungseinrichtung passen. Ich entschied mich für das Modell schwarze «Architektenbrille» (Zitat eines Freundes, selbst Brillenträger).
Die «Kehrseite des Sehens» erlebte ich dann am zweiten Tag als Brillenträger: Bereit für ein Nachtessen im Restaurant, werfe ich einen letzten Kontrollblick in den Spiegel, drehe den Kopf nach links, nach rechts und was sehe ich da: Meine Brille ist nicht schwarz sondern dunkelbraun! Und genau dies ist wohl die Ironie des «neu gewonnenen Durchblicks»: Die erste Brille wählt man immer ohne Durchblick aus.
Dem am Anfang erwähnten Text gab ich übrigens die Headline «Jetzt nehmen Sie Ihre Gesundheit selbst in die Hand». Ob schwarzes oder braunes Brillengestell: Manchmal habe ich tatsächlich das Gefühl, dass ich mit einem einzigen Handgriff meine Augen wieder gesund machen kann.
tja... danke für deine solidarität :)
ich bin mir nicht so ganz sicher, ob eine brille die augen wieder gesund macht. ich habe auch schon gehört, dass man mit gezieltem sehtrainign auf die brille verzichten könnte und dies für die augen langfristig sinnvoller sei. hm... aber darüber zerbrech ich mir jetzt nicht den kopf. jetzt hab ich das ding erstmal und bin froh, dass es nach dem anprobieren nicht noch die farbe gewechselt hat :)
grusss. Rah
Anna
@ 09.01.2008 12:13 CEST
Wie gut ich doch das beschriebene Phänomen kenne... am schlimmsten finde ich, dass die Menschen, wenn ich sie ohne Brille anschaue, viel besser aussehen als mit.
Und von diesem Effekt bin sogar ich selber betroffen ;-))!
Wie gut ich doch das beschriebene Phänomen kenne... am schlimmsten finde ich, dass die Menschen, wenn ich sie ohne Brille anschaue, viel besser aussehen als mit.
Und von diesem Effekt bin sogar ich selber betroffen ;-))!
ich leider auch... immerhin weiss ich jetzt, dass ich wirklich bald 30 bin und das auch an mir nicht ganz spurlos vorbei gegangen ist :)
tja.
grusss, R
ikul
@ 10.01.2008 15:05 CEST
«Sich selbst zu lieben, ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.» (Oskar Wilde)
Somit bin ich jetzt einfach davon überzeugt, dass das, was ich durch meine Brille an Schönheit eingebüsst habe, habe ich an Intellektualität dazugewonnen.
Über das Altern lohnt es sich wirklich nicht zu viele Gedanken zu machen, denn eines ist sicher: Ich bin der einzige von uns, der sein Leben lang «Jung» bleiben wird...;–)
«Sich selbst zu lieben, ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.» (Oskar Wilde)
Somit bin ich jetzt einfach davon überzeugt, dass das, was ich durch meine Brille an Schönheit eingebüsst habe, habe ich an Intellektualität dazugewonnen.
Über das Altern lohnt es sich wirklich nicht zu viele Gedanken zu machen, denn eines ist sicher: Ich bin der einzige von uns, der sein Leben lang «Jung» bleiben wird...;–)
tja, abnehmende schönheit ist leider nicht immer gleichbedeutend mit zunehmender intelligenz, aber eben :)
r
Anja
@ 16.01.2008 10:27 CEST
Ich wollte die Brille anfangs auch
nur gelegentlich tragen. Allerdings
bemerkte ich nach ein paar Tagen, dass ich sie immer öfter aufhatte und die Zeiten ohne Brille immer kürzer wurden. Auch stellte ich fest, dass ich die Brille zu Hause
nicht mehr abnehmen wollte. Mittlerweile fehlt mir was, wenn ich mal keine Brille aufhabe und
trage meine Brille wirklich gerne.
Gerade die Brillenträger in meinem
Umfeld waren begeistert, dass ich
nun auch eine richtige Brillenschlange geworden bin.
Ich wollte die Brille anfangs auch
nur gelegentlich tragen. Allerdings
bemerkte ich nach ein paar Tagen, dass ich sie immer öfter aufhatte und die Zeiten ohne Brille immer kürzer wurden. Auch stellte ich fest, dass ich die Brille zu Hause
nicht mehr abnehmen wollte. Mittlerweile fehlt mir was, wenn ich mal keine Brille aufhabe und
trage meine Brille wirklich gerne.
Gerade die Brillenträger in meinem
Umfeld waren begeistert, dass ich
nun auch eine richtige Brillenschlange geworden bin.
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