WHY NOT?
Er sieht müde aus, irgendwie verloren, irgendwie nicht wie von dieser Stadt. UND: er funkelt mich mit böse verengten Augen an!
Liebend gerne würde er sich nämlich neben mich auf den flauschigen Sitz im Tram setzen, auf dem meine rote Tasche trohnt. Solange ich aber die obligate Höflichkeitsfloskel „ist dieser Platz noch frei?“ nicht aus seinem Mund höre, bleibt die Tasche wo sie ist und ich kassiere vom Mann ein ungemütliches Funkeln. In Zürich-Örlikon entkomme ich dem bösen Blick, wechsle vom Tram in den Zug, suche mir im überfüllten Waggon zwei Plätze für mich und meine Tasche und schalte ab. Kurz darauf, es ist wie verhext, kommt schnaufend und wütend der böse blickende Mann ins Abteil geschneit.
Er entdeckt erst meine Tasche, dann mich. Ein Augenblick der Stille tritt ein. Die erschöpften aber feindseeligen Gesichter fechten einen unerbittlichen Kampf aus: Wer kann den anderen böser angucken? Auf einmal jedoch platzt der Mann heraus und lacht: „You’re the girl from the tram! - das Mädchen vom Tram". Meine Gesichtsmuskeln lockern sich, das Eis ist gebrochen. Der böse Mann und ich lachen bis uns die Tränen kommen und beginnen ungezwungen zu plaudern. Er, ein Private-Banker mittleren Alters ist erst seit ein paar Tagen in der Schweiz, findet die Leute kühl und unfreundlich, arbeitet ohne Unterbruch und weiss nicht so recht wie er die nächsten 5 Jahre - so lange ist er nämlich voraussichtilich hier - überstehen soll.
Ich höre interessiert zu, lasse meine Vorurteile schmelzen, baue Sympathie auf und denke schliesslich: "Why not?" und sage schliesslich: "lets go and drink some beers somewhere!".
10 Minuten später stehe ich mit dem schnaufenden Amerikane im Zürcher HB, trinke ein grooosses Bier, und rede über Gott und die Welt. Vor allem über die Welt - DAS PURE LEBEN!
Kommentare
ou rah, ech liebe dech!;)
nei ächt, sone geniali begäbeheit, hetmi grad mega gfröit! de bewies dassmer doch no grond dezue het is guete im mönsch z gloube^^ ond zu auem häre hesch du ehm wouh grad ghoufe debii, de schwiiz ned grad weder de rögge zchehre! so guet!
glg
tja, ich glaube, dass der kleine feierabendtrunk mir noch viel besser getan hat als dem herrn amerikaner! irgendwie hat mir die kleine näxten-liebe-Aktion einen riesenschub energie und lebensfreude gegeben! - tat gut.
ich hoffe die lebensfreude ist bei dir auch in reichlichem ausmass vorhanden?
grusssslein aus züüüri, rah
Schöne Geschichte! Er hat nicht unrecht mit den kühlen und unnahbaren Schweizern. Aber wenn das Eis mal aufgetaut ist... Da ist es doch schön, hat er jemanden wie dich getroffen. Mürrische oder harte oder abweisende Gesichter sind nicht immer - bzw. sogar eher selten - Zeichen eines unfreundlichen Gemüts. Kenne ich sehr gut...