SUG - DIE LEERE MASSE
Ja es gibt sie, die Anlässe, die ausschliesslich „sehen und gesehen werden“ (SUG) bezwecken. Berufshalber mische ich mich ab und an bei ebensolchen SUG’s unter die Menschen und ich bin stets von neuem tief erschüttet.
Ich strauchle mit halbvollem Champagnerglas durch die wabernden, glänzenden Körper, lächle und nicke ununterbrochen, da mir jedes Gesicht bekannt vorkommt und ich jeweils erst zu spät merke, dass mir die Gesichter nur von Bildschirm und Hochglanzmagazinen bekannt sind. Sie ihrerseits lächeln, nicken und smalltalken ebenfalls mit mir, schliesslich kennen sie in ihrem Revier jeden – ergo auch mich.
Nach 15 Minuten wird mir an solchen SUG's jeweils „sturm im Kopf“ vom Champagner, den vielen Körpern, dem Parfum, den leeren Worten, den übertriebenen Gesten und meinem Tick, dass ich mich immer wieder zu errinnern versuche, was eigentlich der Aufhänger des Anlasses ist...
Bei einer ebensolchen Veranstaltung gestern Abend ging mir ein Licht auf: Bei SUGs findet exakt das Gegenteil zum Estnischen Feenstaub statt: Die Menschen sind laut, reden viel, lachen und brüllen aber sie sagen, denken, berühren und bewirken damit nichts.
Die seltsame Leere, die an so ein Anlass in einem dringen kann, hielt diesmal bis zum nächsten Morgen an. Bei Joggen über ein frisch gemähtes Feld höre ich Motorenlärm. Erst denke ich an einen James-Bond-Helikopter (logisch ;)), dann sehe ich ihn. Ein weisshaariger Mann um die 70, im blau-grauen Trainer. Verkrampft hält er eine Fernbedienung in Händen und steuert damit sein kleines rotes Flugzeug durch den klaren Morgenhimmel.
Ich strahle ihn an und denke: Schade, dass er jetzt nicht weiss, wie glücklich er mich gerade macht! – Aber eben, Worte sind oftmals der Tod eines Zaubers (auch ich kann hier noch viel dazulernen)...