NUMMER 2: DAS LAUERNDE GEWISSEN
Bereits zu Nummer 1 ist mein Verhältnis gespalten: Ich vergöttere und hasse es, bin stolz darauf und würde es am liebsten aussetzen und wenn ich es im Ständer erblicke, erfüllt mich eine Welle quälender Zärtlichkeit. Seit Juni habe ich jetzt noch ein zweites FAHRRAD! Dem „Gratisphänomen“ sei dank. Ein Bekannter meinte, er habe ein Mountainbike, das er nicht mehr brauche, ich könne es haben. Ich nickte gierig, drei Tage später stand Nummer 2 vor meinem Haus und die Dinge nahmen ihren Lauf...
Ich hasse Mountainbikes (bin irgendwie falsch gebaut und mache da drauf einen krummen Rücken). Dieses ganz besonders. Es ist zu gross, es hat keinen Gepäckträger und die Bremsen quietschen. Der Plan war eigentlich folgender: Nummer 2 sollte in Oerlikon wohnen und mir dort auf einer kurzen flachen Strecke den Arbeitsweg vergesündern. Doch der Plan scheitert nun seit vier Monaten am Transport. Das Problem, so klein es für Sie vielleicht klingt, scheint unüberwindbar: frühmorgens mit der Tasche, einem Becher Kaffee UND Nummer 2 in einen überfüllten IC nach Zürich steigen – unmöglich!
So kommt es, dass Nummer 2 noch immer am Bahnhof Bern steht - immerhin nicht mehr vor dem Haus (dem Kopfschütteln der Nachbarn ausgesetzt). Angekettet mit meinem besten Schloss steht es jeden Tag ein bisschen schräger. An manchen Tagen richte ich es zurecht, in ganz liebevollen Minuten, kette ich Nummer 1 sogar an Nummer 2 und halte damit mein schlechtes Gewissen im Zaum...
Vergangenen Montag dann der Schock, der alles verändern sollte: Ein Mann im orange-weissen Gilet begutachtet Nummer 2. Jeder Rad-Pendler weiss: Räder, die länger als 4 Tage an einem Platz stehen, werden von den Orange-Weissen mitgenommen. Kurzerhand setze ich mein empörtes Gesicht auf, schnappe mir Nummer 2 und schiebe das riesen Mountainbike kopfschüttelnd zum Perron. Aber eben, der Kaffeebecher...
Sie ahnen es: Das schlechte Gewissen lauert immer noch in Bern - einen Veloständer weiter vorne...