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Zeitverschwendung III: DIE BIERPARABEL

(Lesung vom 23.11.2008 in Bern)

Die Uhr am Handgelenk zeigt die Zeit und das wiederum zeigt uns, Zeit ist messbar.
Tief im Innern ahnen die Schlausten unter uns schon lange: DAS IST EINE GROSSE LÜGE.
Ich entlarve diese Lüge anhand des Besuchs bei meiner 92-jährigen Grosmutter.
Der Besuch geht so:
Ich komme an um 14.00 Uhr, verabschieden tu ich mich um 18.00 Uhr. So zeigt es ihre Wand-Uhr. So zeigt es meine Armband-Uhr. Doch ich traue ihnen nicht, den beiden Uhren.
Ganz einfach deshalb, weil die Grosmutter beim Abschied sagt: Das war jetzt aber „churzwilig“, hoffentlich hast du das nächste Mal „äs Bitzeli“ mehr Zeit.
Ich, benebelt von 8 Tassen Schwarztee, fühle in genau die entgegen-gesetzte Richtung: Ist es der Teppich oder sind es die kino-roten Samtvorhänge, welche die Zeit davor bewahren sich aus diesem Raum zu verflüchtigen, frage ich mich?
Die vergangenen vier Stunden waren als Zeitmasse vergleichbar mit einem Monat – einer vom Endpunkt aus betrachtet, unendlich grosse Masse Zeit.
Ich jedenfalls kann mich nur noch vage daran erinnern, je etwas anderes getan zu haben, als Schwarztee zu trinken und Yazzee zu spielen.
Dies, obwohl ich meine Grosmutter gerne mag. Lieber als einen Wartsaal, lieber als meinen Zahnarzt, lieber als meine Arbeit. Und doch vergeht meine Zeit in ihrer Gegenwart nicht und ihre rast in meiner Gegenwart dahin.

Das stimmt nachdenklich!
Bisher nahm ich es für gegeben, dass Zeit, wenn einem etwas nicht gefällt, lange, und wenn einem etwas gut gefällt, kurz wird.
Doch meine Grosmutter gefällt mir und das bricht die Logik.
Ich plädiere deshalb für eine neue Zeitmessung.
So kam es zur Bieridee oder anders gesagt: Zum Biermesser:
Um ein Bier zu trinken, brauche ich – als durchschnittlich grosse, durchschnittlich schwere, weibliche Person eine bestimmte Zeit. Auf meiner Uhr ungefähr 2 Minuten. Dies ist meine Realzeit. Alles was darüber hinausgeht, respektive dazwischen liegt, ist Zusatz. - „Bonus“, um es in der Bankersprache zu sagen.
Bonus, den ich nach Bedarf strecken oder dehnen kann, ganz nach Lust und Laune.
Klingt an den Haaren herbeigezogen und hat nichts mit der Grosmutter von eben zu tun, denken sie. Sie täuschen sich:
Nehmen wir die Extrembeispiele, die Pole:
Ich bestelle ein, Bier stelle es hin und starre es an. Die Zeit dehnt sich. Die Uhrsekunde wird zur Minute, die Uhrminute zur gefühlten Stunde, die Uhr-Stunde - kaum denkbar ohne einen Schluck Bier. Hier liegt der Hund begraben: Beim Starren wird Zeit unendlich gross, obwohl sie auf der Armbanduhr kaum voranschreitet.
Klein wird die Zeit dann, wenn ich das Bier trinke. So wie ich auf abfahrende Trams renne oder der zu erledigenden Arbeit hinterherhinke dusche, telefoniere rechne oder schreibe. Die Bierzeit beträgt im vorliegenden Bierfall genau 2 Minuten. – meine Realzeit.

Die Zeit zwischen der Realzeit ist also dehnbar. Und am grössten ist sie dann, sie vermuten es richtig, wenn ich sie verschwende! Verschwendung von Zeit ist der Schlüssel zum „Rad der Zeit“.
Anders gesagt, ich kann mir zwischen den Aktionen beliebig viel „Zeit nehmen“.
Zwar nicht um zu produzieren, nicht um zu nutzen, nicht um zu erledigen oder sie einzusetzen, Sondern zum Leben.

Um den Link zur Grosmutter nicht zu vergessen:
Seit ich Bier und Zwischenzeit fein säuberlich voneinander trenne, tickt meine Armbanduhr wieder im Einklang mit der Wanduhr in ihrem Wohnzimmer.
Und ich......, ich fühle mich ein wenig wie die kleine Momo und die alte Frau vis a vis am Yazzee-Brett ähnelt, jetzt wo sie’s auch denken, ein ganz klein wenig der Schildkröte Cassiopeia.

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Zeitverschwendung II: ZEITMANAGER

(Lesung vom 23.11.2008 in Bern)

Ich „oute“ mich. Heute, hier und vor euch allen. Ich pack’s nicht mehr. Der Druck ist zu gross, ich verliere den Anschluss, hinkte dem zu Erledigenden hinterher, brauche Hilfe.
„Externen Support“, um es richtig auszudrücken.
Etwas Wichtiges gehört an dieser Stelle noch gesagt, nämlich wer ich bin:
Ich bin Zeitmanager der Stadt Bern. DER Zeitmanager der Stadt Bern. Der Einzige.
Ich bewohne ein Häuschen auf der Nydeggbrücke. Es sieht aus wie ein Brückenpfeiler. Die Menschen meinen, da wohnt gar keiner, doch sie haben Unrecht. ICH wohne da. Allein und am Ende meiner Kräfte.
Ausgerechnet ich. Ich, der die Stadt Bern an die Spitze gebracht hat. „Bern, das Mekka der Zeit“, die Uhren stets auf Halbmast, Zeit im Überfluss. Staunende Touristen vor dem Zytglogge und eifersüchtige Zürcher im Osten.
Mein Beruf ist es, das Zeitgut der Bernerinnen und Berner zu verwalten. Konkret: verschwendete Stunden, Minuten und Sekunden einzusammeln und neu zu verteilen. Früher war dies ein 20 Prozentjob. Heute hat der Kollege in Zürich drei Studentinnen zur Aushilfe.

Bevor ich weiter-lese, möchte ich beweisen, wie gewissenhaft ich arbeite. Die Zeit, die ihr hier und jetzt mit Zuhören vergeudet, habe ich über Nacht vor-gearbeitet . . ., damit Bern nicht aus dem Gleichgewicht kommt und ich mich konzentrieren kann. Bitte, bedient Euch...
(VERTEILEN von Vorgedruckten Formulare für die Toilette / Performance)
 
Wo war ich stehen-geblieben? Ach ja:
Früher, war alles besser.
Früher war alles einfach.
In den Achtzigerjahren zum Beispiel lungerte ich tagelang in Teerooms und Ämtern herum, rächte häufchenweise verschwendete Zeit zusammen und verteilte sie weiter an Maurer, Maler Gipser, Ärzte oder Künstler.
Um 17.00 Uhr war Feierabend, Frau, Mann und Kind nutzten die leeren Abendstunden zum kochen, spielen, lachen und streiten. Manchmal gingen sie ins Kino oder ins Theater – jeweils fix verabredet zur festen Stunde. Nur hie und da wischte ich ein paar kurze Warteminuten auf, weil einer den Bus verpasste.
Heute ist alles anders.
Heute ist alles dichter.
Um 17.00, meinem normalen Feierabend also, starten in den Bahnhöfen um Bern herum die Pendlerzüge. Ich hetze von Perron zu Perron und schaff’s kaum, die verlorene Zeit zusammenzuraffen. Sie stapelt sich in den schmutzigen Abteilen. Ich hetze von Sitzbank zu Sitzbank, die Züge warten und verspäten sich schliesslich, die Menschen schauen böse und verschwenden aggressiv weiter.
Ein Teufelskreis, ICH mittendrin: „Blick am Abend“, „Tetris auf dem Natel“, „ein alter Blick am Morgen“, hier eine Zigarette, da ein sinnloses Telefonat „Hoi, wo bisch? – i warte uf ä Zug, bi glii da“. Frauen wühlen endlos in riesigen, viereckigen Plastiktaschen, Männer reiben haltlos an ihren I-Phones herum, keiner will wissen, wer der andere ist, sie wollen nur eins: Minuten abschütteln.
Kommt dazu, dass ich derweil DIE Zeit links liegen lasse, die sich in den guten Stuben vor den Fernsehern türmt. „Verbotene Liebe“, „Marienhof“, „Wege zum Glück“, „Unter uns“ – vor allem Frauen verschwenden Stunden mit den immer gleichen Geschichten – warum, weiss keiner.
Tagsüber hetzte ich wieder von Büro zu Büro – Computer sind mir ein absoluter Gräuel, vor allem dann, wenn sie nicht funktionieren.
Doch, es gibt schlimmeres als Büro-Tage...
...Sams-tage zum Beispiel. Da muss ich als Zeitmanager Grossmeister im Verdrängen sein, gehe ich sozusagen mit Scheuklappen durch die Stadt. Minuten, Stunden, ganze Nachmittage stecken achtlos zwischen den Pflastersteinen, rauszuklauben nur mit Hilfe einer Kredit- oder Cumuluskarte, auf den Knien versteht sich.
Und... im Hinterkopf habe ich Samstags stets das Monster:
Kirchberg. Lyssach, um genau zu sein. Ja, die IKEA gehört auch in mein Revier. Wenn ich ehrlich bin, habe ich längst aufgegeben, hinzufahren. Es wäre wie Sand vom Strand zu schaufeln.
Und, als ob die Ikea nicht genügte, eröffnete kürzlich die Steigerung: das WESTSIDE!
Einen eigenen Zeit-Manager sollte das Westside haben, 200 Stellenprozent im Minimum oder mehr. Das meint der Eberhart, der Kollege aus Zürich – ich gebe ihm recht.
Aber ich will nichts verheimlichen:
Wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht nur ein Sammelproblem. Auch beim verteilen hapert’s. Die Zeit, die ich vor den Büros deponiere, wird anderntags an Sitzungstischen liegengelassen, Frauen mögen lieber Geld als Zeit und Männer rennen der Zeit grundsätzlich davon. Das Militär (geht vielen unter euch jetzt durch den Kopf), dachte ich auch. Aber das Militär ist ein Pseudo-Abnehmer. Doppelt soviel Zeit, wie ich vor die Kasernen stelle kommt anderntags wieder raus - ordentlich gebündelt und beschriftet.
Wenn ich also spätnachts via Zytglogge Richtung Nydegg nach Hause gehe, kommt es nicht selten vor, dass der Sack auf meinem Buckel noch randvoll ist. „Nein, keine Zeit“, sagen dann die Leute, die ich in der Dunkelheit frage, ob ich ihnen etwas Zeit schenken darf.
Oft bleibt mir darum nichts anderes übrig, als ganze Stunden, Tage ja gar Jahre am Hintereingang meines offiziellen Resten-Abnehmers abzugeben: Dem Altersheim.
Dort ist sie stets herzlich willkommen, die Zeit. Die alten Menschen reissen sich um jeden zusätzlichen Tag, jede Stunde, jedes Jahr. Und sie werden älter und älter.
Das Paradoxe dabei ist, dass die Menschen, die heute verschwenden, davon in Zukunft nicht profitieren werden.
Es ist wie bei der AHV: Rein demografisch kann es so nicht weitergehen.

 

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Zeitverschwendung I: IKEA

(Lesung vom 23.11.2008 in Bern)

Die Diskussion prägt seit Wochen das Zusammenleben.
Ob oder was ist weniger die Frage. Vielmehr geht es darum warum und wann wir gehen.
Samstagnachmittag, so entschieden wir, ist zwar der dümmste, doch aber der einzig mögliche Zeitpunkt. Also starten wir, Frohen Mutes.
13.00 Uhr Abfahrt Bern Obstberg, 13.05 Stau Bern, Grauholz. Ein Stau, in dem jeder weiss, dass die, die ihn verursachen das selbe Ziel haben wie die, die darin stecken. So wird er denn auch nicht weniger, der Stau. Bis wir in Lyssach sind.
13.45. Gereizt sind wir. Aber am Ziel. Fast am Ziel. Der Stau ist nun so zäh, dass der Fuss auf der Kupplung weh tut. Stop and go, Meter für Meter.
Genervt erblicken wir den ersten und letzten Licht-blick an diesem Tag. Ein oranger Mann gibt uns lächelnd (oder eher mit vom Abgas geweiteten Mundwinkeln) das Zeichen: „In der Garage hat es Platz“. Wir fallen voll darauf rein und fahren rein. Eine Falle. Von nun an gibt es kein Zurück mehr. Stosstange an Stossstange stehen Autos in sämtlichen Farben und Formen, Abgas sättigt die Luft. Es herrscht kalter Krieg - pro Park-Kolonne stehen, wie durch ein ungeschriebenes Gesetzt festgelegt, je drei Autos auf der Lauer. Manche Fahrer stellen sich schlafend, die Beifahrerinnen schauen unbeteiligt, gähnen, zucken hängende Schultern in dicken Jacken. Alles nur Tarnung. Sie sind auf der Hut. Man lächelt sich gegenseitig durch die Scheiben zu, ein absolut falsches Spiel - wir spielen mit.
Erstaunlich rasch werden wir vom Glück gesegnet.
Ein Pärchen, er legér den Autoschlüssel schwenkend, nähert sich -  Kipplan, Expedit und Lack im Wagen vor sich her-schiebend. Streitend zwar, aber dem Ziel näher, als wir es je sein werden, wir riechen Lunte.
Doch das Glücksmoment verschwindet so schnell wie es gekommen ist. Das Pärchen hat sich in der Kolonne geirrt und biegt ums Eck.
Unsere Zeit kommt 18 Minuten später. Der Rückspiegel zeigt „Familie Billy“. Alle drei Autos in Park-Kolonne A4 wissen, der silberne Opel Corsa gehört der Familie. Sein oranges Blinken ausgelöst vom Schlüssel des Familienoberhauptes, verrät es uns. Mit Nachdruck drehen wir unseren Schlüssel im Zünder. Den Motor, der vis à vis ebenfalls aufheult, ignorieren wir und rollen andächtig ein paar Zentimeter rückwärts. Die Stille im Innern unseres Autos wird nur vom Quietschen der Schuhsohlen auf der Kupplung unterbrochen.
Exakt in dem Moment, als das Billi-Gestell im Kofferraum verstaut ist und sich der Vater anschickt, die Fahrertür zu öffnen, zücke ICH meine Beifahrer-Waffe:
Ein knappes Winken zur Billyfamilie. Nicht einfach irgendein Winken. Nein, ein wissendes, freundschaftliches im selben Boot-sitz-Winken. Ein Winken, als ob der Parkplatz bereits uns gehörte. Vater Billy steigt darauf ein, wendet gegen den gegnerischen Peugeut – und...... WIR SIND DRIN!
Gestresst entern wir das Schwedische Paradies. Die wirklichen Probleme werden erst jetzt akut. Die Frage: In welcher Farbe und wo finden wir das begehrte Produkt, steht im Raum.
Wir wissen, wir müssen unbedingt und unabdingbar kaufen, aber was genau, wissen wir nicht mehr. Eine Lampe, schwant es uns, Modell Sa-gu-ra-kapan. Der Kopf schmerzt beim Denken. Aber, doch, ganz genau – eine Lampe Modell Sa-gu-ra-kapan. Das Modell ersetzen, das kaputt in der Küche baumelt, sonst nichts.
Also suchen wir die Lichtabteilung und gleich darauf unsere Lampe – beides vergebens. „Das Modell Sa-gu-ra-kapan wurde aus dem Sortiment genommen“  -  der lapidarisch gelispelte Kommentar des Verkäufers mit Igelifrisur stürzt uns von Zustand gestresst in Zustand erschöpft. 
Punkt für den Gegner.
Benommen taumeln wir durch die Lichter-Abteilung. Es blendet, es ist heiss, mir ist übel und das sage ich auch. Die Stimmung heitert es zwar nicht auf. Doch, wir bleiben stark: Eine Alternative zu Sa-gu-ra-kapan muss her. Doch wie um alles in der Welt sollen wir in unserem Zustand entscheiden, ob Gestell Januari zu Schirm Erse-nud passt? Ob der rote Ekas wirklich mit daheimigen Sofa Klippan zusammengeht und welche Sparlame denn in Regolit zu schrauben ist. Wir wissen es nicht, wollen es nicht wissen, legen unsere Waffen, respektive die Überrreste meines Lächelns nieder, und – geben auf.
Taub vor innerem Schmerz müssen wir das Feld räumen. Wir schieben den überflüssig schwerfälligen Wagen Richtung Kasse, Coca-Cola und Hotdog. Fast kehren menschliche Gelüste zurück (Hotdog für einen Franken!). Doch auch hier ein Schlachtfeld. Dicke Menschen, schreiende Kinder, wütende Verkäufer, lächelnde Plakate, eine ganze Schweden-Ecke! Wir schlucken Hunger und Durst runter und schleppen uns zu Garage grün, Kolonne A4. Unser Volvo. Ganz ohne die Übermacht des Herausfahrenden auszukosten fahren wir nach Hause.
18.00 Uhr, Bern Obstberg. Unsere Küche im Dunkeln. Andächtig und mit müden Fingern zünden wir die Hundert Rechaudkerzen vom letzten IKEA-Besuch an und fragen uns:
Wo ist er hin, der Samstag?

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GLOT (eine wahre Geschichte)

Zug 07.30, Bern Zürich. Die Abteile sind randvoll, die kleinen Plastiktische ausgeklappt. Wie ich, sind auch die anderen allein in der morgendlichen Pendlermasse. Keiner spricht ein Wort. Manche streifen mit Leuchtstift über Papier, andere lesen Physikbücher, wieder andere versuchen beim „Gipfeliessen“ keine „Brösmeli“ zu machen. Ein Mann schläft, ich schaue ihm zu. Dies, weil „schräg nach vorn“ die beste Kopfhaltung für mich, respektive für meine komplizierte Frisur ist und ich keine Zeitung dabei habe und auch nicht mehr schlafen will.
Er hat das Kinn auf der Brust und Atmet regelmässig, der Mann. Auf einmal schreckt er hoch, reisst die Augen auf und sagt mittellaut, was im morgendlich stillen Zug einem Megaphonruf gleichkommt, „GLOT“.
Glot? - Fragen sich vermutlich sämtliche Passagiere auf einen Schlag und sehen sich um. Jeder verdächtigt jeden, diesen ungewohnten Laut von sich gegeben zu haben. Die meisten verdächtigen richtigerweise einen Mann, viele sogar eben den Mann. Den Mann, der seit er GLOT gesagt hat, mit gerötetem Kopf und wachen Augen auf seinem Sessel sitzt und sich wohl gerade fragt :“Habe ich das jetzt tatsächlich laut gesagt?“. Ja, hat er. Warum, weiss keiner so genau. Aber die Pendlermasse ist unruhig geworden. Augen wandern herum, Ohren sind gespitzt, sogar der gelbe Leuchtstift streift nicht weiter übers Papier. Olten – Zürich, mit Hochspannung warten mindestens 7 Pendler darauf, dass GLOT in einen sinngebenden Rahmen gebettet wird.
Das geschieht nicht, die Pendlerschar steigt am HB aus. Ich denke, ich gehe richtig in der Annahme, dass am gestrigen Tag manch ein Morgenpendler über das Wort GLOTT nachgrübelte...

KOT - GLATT - GOTT - CLAUDE - GALOPP – auch ich weiss es nicht!   

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ALTE LIEBE

Ich trete näher, kneife das schwächere Auge zusammen, die Anzeigetafel zeigt: 7 Minuten bis zum nächsten Bus! 1 bis 3 bedeuten, dass ich warte. 4-6 heissen normalerweise, dass ich eine Station zu Fuss gehe. 7 Minuten aber, das ist lang. Ich bedauere mich um meine missliche Lage: Es ist kalt und trocken. Es ist dunkel und menschenleer. Es ist Nacht aber noch nicht Mitternacht. Ich bin allein und habe zuviel Gepäck dabei. In meinem Kopf braut sich eine vage Erinnerung zusammen. Eine Erinnerung an Nächte, in denen ich genau das gesucht habe, worum ich mich jetzt bedauere: Menschenleere, trockene Strassen, die Nachts darauf warten befahren zu werden! Es war die Zeit, die nur mir und meinem geliebten Skateboard gehörte. Momente von unsäglicher Freiheit.
Das Gepäckstück in meiner Hand ist, welch Zufall (?!?), mein ales Skateboard. Ich benutze es an trockenen Sonntagen, um im Ort meiner Eltern, im Ort meiner Kindheit von A nach B zu kommen. Ich nehme es dann jeweils mit (manchmal sogar hinten auf Nr1 oder Nr 2 geschnallt), rolle in Jupe und Stiefeln die geraden Strecken und steige in Bern damit vom Zug auf den Bus um. Warum eigentlich?
Der Gedanke ist zu Ende gedacht, ich lasse den Bus Bus sein und steige aufs Brett. Das Skate knirscht unter meinen schicken Stiefeln. Wir knattern über den Bahnhofplatz hin zum Ziel alter Skater-Nächte: den Berner Lauben. Das Adrenalin schiesst in meine 30-jährigen Adern. Die langen Lauben vom Bahnhof bis zu runter zum Bärengraben liegen vor uns - menschenleer und betonweich. Die Stimme des Mannes, der mir (trotz Jupe und Stiefeln) nachschreit “He, Bueb, pass uf. Spinnsch?“ höre ich nur noch verebben - ich bin verliebt!

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