GERÜCHE RETTEN
Tag für Tag frage ich mich, wann ich sie habe gehen lassen - die Gerüche meiner Kindheit. Und ich weiss, ich will sie wiederhaben.
Wenn ich frühmorgens im Zug das Gesicht an die kalte Panzerglasscheibe lehne und die Welt an meinem müden Blick voreirast, vermisse ich sie besonders. Dann merke ich, wie sehr sich mein Geruchsspektrum in den letzten Jahren eingeschränkt hat: Ob im Büro, Zug, Bus oder Zuhause im Wohnzimmer - es riecht stets ähnlich - nach einer milden Mischung aus Teppich, Beton, Fasern und Mensch. Alles andere bleibt aussen vor. So auch die Gerüche meiner Kindheit.
In den stillen Zugsmomenten kommt die Sehnsucht nach ihnen auf. Kurz nach Aarau beispielsweise schmiert ein Fußballfeld am Glas vorüber. Meist ist das Feld Menschenleer mit grünem, braunem oder schneebedecktem Rasen. Die Sehnsucht, an dieser Szenerie mit mehr als den Augen teilzuhaben, ist an manchen Tagen riesig. Ich möchte das Gras riechen, will den Duft des weissen Strichs rausfiltern, will die nasse Erde einatmen...
Ein prägender Geruch aus meiner Kindheit. Genauso wie der herben Duft im Keller der alten Wohnadresse meiner Eltern (bis heute mein Lieblingsduft), die staubige Tennisballmaschine meines alten Tennistrainers oder der feuchte Waldrand hinter meinem Kindheitsquartier. Sie alle sind weg. Die Bilder sind zwar noch da, doch die Gefühle kleben erstaunlicherweise nicht am Bild, sondern am Geruch.
Einen um den anderen sammle ich sie heute wieder ein. Den Fussballplatz meiner Kindheit beispielsweise mit einer bestimmten Teemischung. Die Mischung welche die Fussballer, zu denen damals mein Vater gehörte, in den Pausen tranken und wovon ich stets ein paar Schluck getrunken habe. Diese Teemixtur ist der Schlüssel zu meinen persönlichen Sonntags-Fussball-Gefühlen und stillt meine Sehnsucht nach den vorbeirauschenden Bildern...
Weitere werden folgen... hoffe ich.