DER TIEFE FALL in die zweite Schublade
Er setzt sich mir gegenüber. Derart gegenüber, dass er von Beginn an stört. In unserem Zug-Vierer-Abteil hätte es noch zwei weitere freie Plätze, doch anstatt diagonal zu mir, sitzt er ebenfalls ans Fenster, also mir gegenüber und zwar so, dass sich unsere Knie auf Anhieb berühren. Doch eigentlich hat er ja recht, der Mann. Der Feierabendzug füllt sich mehr und mehr, der Knie-Berühr-Platz wäre sowieso besetzt worden. Warum also nicht von ihm. Er wirkt schliesslich sehr nett. Ein älterer Herr, schütteres graues Haar, brauner Pullover, graue Teweed-Hose, ein ständiges Lächeln im Gesicht, als Reaktion auf etwas, dass er sich anhört. Mit einem uralten Walkman, eher einer Art Diktiergerät, lauscht er irgendwelchen Frauenstimmen und lächelt dazu. Rasch beginnen sich meine Gedanken um den möglichen Inhalt des Ton-Files zu drehen. Ist er Politiker und hört sich die Rede seiner Gegnerin an, ist er Wissenschaftler und hört sich Interviews an, die er transkribieren will oder hört er sich vielleicht einen Podcast einer Radiosendung an? Intellektuell ist er ganz bestimmt. Eher Professor als Politiker und eher berühmt als gewöhnlich, sinniere ich. Irgendwie kommt mir sein Gesicht, jetzt wo ich so darüber nachdenke, sogar ein wenig bekannt vor...
Dann nähert sich der Kondukteur und damit der grosse Fall des Super-Professors. Beim Versuch sein Billet hervorzukramen, fällt das Mega-Tonband-Gerät herunter, der Stecker reisst aus und durch die Stille des Zuges flattern die Wortfetzen „... una ereccio grande...“. Nicht mehr und nicht weniger. Der Mann zielt blitzschnell mit der Hand Richtung Mega-Tonband-Gerät, drückt Stopp und stöpselt wieder ein.
Unbewusst und unglaublich schnell zieht sich in meinem Kopf die zweite Schublade auf: Auf einmal ist der Mann ein alter Lüstling, der sich quietschvergnügt im vollgestopften Zug schmutzige Dinge anhört. Die Ellenbogenpolster aus Leder (die so gut zum Professor gepasst hätten) scheinen auf einmal eine Spur zu speckig, seine Wangen zu gerötet, seine Tasche voller obszöner Dinge. Und wer weiss, vielleicht fährt er auch nur Zug, um seine Knie zum Tonbandhören an irgendwelchen Frauenknien zu reiben. Ich presse mich in den Sitz und sehne mir den Bahnhof Bern herbei.
Im Nachhinein und aus der Distanz betrachtet passen beide Bilder nicht zu dem Mann und ich lerne einmal mehr, dass Schubladen die sich automatisch öffnen, schnellstmöglich wieder zu schliessen sind.