Z oder A?
Ich unterscheide beim menschlichen Verhalten zwei Grundgruppen: Z, die Zeiger und A, die Angucker.
Z-Menschen produzieren. Sie basteln, malen, organisieren Feste, sie bloggen ;), kochen für Gruppen und meiden öffentliche Vorträge ohne Sitzgelegenheit. Ihnen gegenüber stehen die A-Menschen. Sie konsumieren. Sie besuchen Ausstellungen, lesen Zeitschriften, geniessen Einladungen, sehen fern, kaufen lustige Ansichtskarten zum aufstellen, hören Radio und erfreuen sich am Gesehenen und Gehörten.
Natürlich gibt es auch die Buchstaben-Menschen dazwischen. Doch reihen sich die meisten entweder näher bei A oder näher bei Z ein (ausser natürlich die N- und M-Menschen).
Zusammen ergänzen sich all die Buchstaben perfekt. Sie bilden einen Kreislauf, fast schon ein Perpetuum Mobile. Ohne die Existenz der Pole würde sich in der Gesellschaft die totale Leere ausbreiten.
Ich persönlich liege, wie es sich für eine Bloggerin wohl gehört, recht nah beim Z und ich kann diese Neigung voll ausleben. Doch genau das wird wohl irgendwann ein Ende haben wird. Spätestens dann, wenn ich 92 Jahre alt bin...
Aufgegangen ist mir das beim Besuch bei meiner Grosmutter vergangenen Samstag. Wie immer zeigte ich ihr Fotos von all meinen Abenteuern. Ich erzählte ihr von Glück- und Pechmomenten und liess sie durch ihre Lesebrille Handybilder von der Olympiade angucken. Sie lächelte und freute sich über meine Anwesenheit. "Ein klassischer A-Typ", ging es mir durch den Kopf. Doch dieser Gedanke machte mich stutzig. Genetisch wäre es doch nahe liegend, wenn meine Grosmutter eher Z als A wäre. Schliesslich war sie früher Scheiderin und leidenschaftliche Bastlerin....
Fallen alte Menschen in unserer Gesellschaft vielleicht automatisch und unfreiwillig in die Kategorie A, wo sie dann Fern sehen, Radio hören und sich still halten. Ganz einfach, weil ihnen keiner zuhört, keiner sich anschaut was sie tun, keiner sich für ihre kleine Welt interessiert...?
Das Experiment:
Ich machte mich also daran, den wahren Buchstaben meiner Grosmutter zu ergründen und fragte sie nach Dingen aus ihrem Leben. Und siehe da, augenblicklich brach der Z aus ihr heraus. Binnen Sekunden war ich inmitten von selbstgemalten Brettli, gestickten Tischtüchern – in der Hand ein Heftli mit einer mit Leuchtstift markierten Passage, die ich unbedingt lesen musste. Mein Rucksack füllte sich mit aufbewahrten „Geschenkbändeli“ und bestellter Tupperware.
Artig schlüpfte ich für einen ganzen Nachmittag in die mir ungewohnte A-Rolle und liess meine Grosmutter aufblühen – ein toller Tag.
ps: Nachdem ich den wahren Buchstaben meiner Grosmutter kenne, bin ich selber höchstens noch ein v oder w :)...
