DIE HALLE
Gross wie mein Schlafzimmer, hell ausgeleuchtet bis in den hintersten Winkel, Meister-Propper-Geruch, der sanft die Nase hochsteigt. Stünde eine Maklerin neben mir, ich wähnte mich bei der Besichtigung einer geräumigen Ein-Zimmer-Wohnung. Doch der Fall liegt anders. Das beschriebene Objekt ist eine öffentliche Toilette. Nicht der Eingang, wo das Waschbecken steht, sondern der Raum mit dem Klo an sich. Die öffentliche Toilette des Bahnhofs Oerlikon bei Zürich.
Kennen gelernt habe ich sie gestern Abend. Da ich in der Feierabend-S-Bahn wenig Aussicht auf ein Durchkommen bis zum WC hatte, suchte ich nach einer Pinkel-Möglichkeit am Bahnhof. Von aussen sah die öffentliche Toilette ganz normal aus und Eingangs ärgerte ich mich noch über den Wucherpreis von einem Franken. Doch der Ärger machte bald der Verblüffung Platz. Nach Einwurf des Geldstücks öffnete sich geräuschlos ein vollautomatisches Eingangstor. Automatisch schloss sich dasselbe wieder nach dem Eintreten. Die 6 Schritte zur Schüssel legte ich dann zwar ein wenig verunsichert zurück (ich traue Automatik auf Toiletten grundsätzlich nicht... Was wenn jemand anders auch einen 1-Fränkler einschiebt und ich auf einmal mitten im Feierabendvolk sitze??), das professionelle Erscheinungsbild der gesamten Anlage aber liess mich Vertrauen schöpfen. Ich löste entspannt Urin, stand auf, wusch mir vollautomatisch mit automatischer Seife die Hände und wollte die automatische Spülung betätigen. Doch weder fand ich einen Knopf, noch merkte die Halle automatisch, dass ich fertig war. Ich räusperte vernehmlich. Nichts. Ich rief in halblautem Befehlston „fertig“. Wieder nichts. Argwöhnisch suchten meine Augen Spritzenkasten, Abfalltrenn(!)behälter und Silberarmaturen ab. Kein Knopf.... „Die perfekte Halle hat einen Fehler!“, dachte ich vergnügt und war irgendwie beruhigt.
Den Urin in der Schüssel stehen lassend, mit einem leichten Anflug von Mitleid für den vergesslichen Architekten der Halle, stellte ich mich in den Türrahmen und liess mich vollautomatisch ausspucken. „Auf Wiedersehen“ schien die Halle noch zu flüstern. Erst nach ein paar Schritten dämmerte mir... das "Flush"-Geräusch, das wie „Auf Wiedersehen“-Geflüster geklungen hatte, war in Wirklichkeit eine hyperautomatische Spülung!
Ps. Mich würde nicht wundern, wenn schon bald eine Familie oder ein junges Studentenpärchen in „der Halle“ eingezogen wären.... Ich selbst habe diese Option auch kurz in Betracht gezogen ?
Kommentare
herrlich geschrieben.
so 'ne halle gibts im fall auch in bern auf dem bahnhof. ob sie dort allerdings ebenso gross ist, erinnere ich nicht mehr. wie wäre es mit einem pinkel-führer? DIE marktlücke! ;-)
genau! die marktlücke!!! ich glaub ich klemm mich gleich dahinter :) nein im ernst, das musst du dir mal ansehen in örlikon. das ist nicht zu toppen. ein einziges wc ist das und echt so gross wie eine wohnung. haiaiai. vielleicht war das früher mal der schalter :)
da frag ich lieber nicht, wie gross denn der jetzige schalterraum ist!!! :-)