Minus und Minus ergeben Plus – dies ist eins der wenigen mathematischen Gesetze, das ich mir immer merken konnte. Und es funktioniert auch im wirklichen Leben...
Wenn es regnet gehe ich nicht gerne ins Freie. Auf Friedhöfe gehe ich auch nicht sonderlich gerne. Beides sind also Dinge, die ich zu vermeiden pflege. Kürzlich ist mir jedoch aufgefallen, dass sich genau diese zwei, geschickt kombiniert, zu einer echten Bereicherung entwickeln können.
Zwar sieht ein Friedhof bei Regenwetter nicht „anmächeliger“ aus als sonst aber im Zusammenhang mit dem Nass bekommt er eine völlig neue Wirkung. Durch den Regen auf der Haut fühle ich mich auf dem Friedhof einerseits überraschend belebt und durch die Anwesenheit der vielen Gräber macht mir andererseits der Regen nichts mehr aus. Kommt dazu, dass ich auf einmal Zeit habe, mich um ganz sonderbare Dinge zu kümmern. Mich zum Beispiel zu interessieren für die Menschen die unter meinen Füssen liegen. Oder zumindest für deren Geschichten, die ich erahnen kann, wenn ich die Grabsteine eingehend studiere. Auf einmal entdecke ich Zusammenhänge, sehe wer wem wohin gefolgt ist, wer Geld hatte und wer wohl eher nicht. Wer Katzen mochte und wer vielleicht sogar sein Kind zu Grabe getragen hat. Ich entdecke Namensvettern, prominente Bernburger, verdiente Bundesräte und irgendwann sogar ein besonders schöne Plätzchen, das ich sogleich gerne reservieren würde...
Ausserdem gibt mir der Regen-Friedhof das wunderschöne Gefühl zu spüren, dass ich am Leben bin.
Und weil ich mir für meine Ausflüge eine Ruhestätte ausgesucht habe, auf der kein mir bekannter Toter liegt, verschafft mir der Besuch ausserdem die ungemeine Erleichterung, an solch einem Ort keine Trauer zu verspüren.
Bisher kannte ich sie eigentlich nur aus dem Lied „drei Kinesen mit dem Kontrabass“. Dabei habe ich mir, seit ich denken kann, immer drei ganz kleine, lustige Menschen vorgestellt, die „da auf der Strasse was spielten“. Andere Chinesen, zum Beispiel die, die täglich Bärengraben und Zytglogge bevölkern (oder sind das alles Japaner?) wollten so gar nicht in dieses Bild passen. Die richtigen Chinesen, die mit dem Kontrabass, habe ich mir faszinierend, leichtfüssig und immerfröhlich vorgestellt...
Jetzt hab ich welche. Genau solche. Zwei Stück um genau zu sein. Ein Pärchen. Wie sie heissen weiss ich nicht, ihre Natelnummer kenne ich auch nicht. Aber ich wohne mit ihnen in einer Art WG in Zürich-Oerlikon. Und sie sind ein absoluter Glücksfall... Zuerst einmal sind es Abend-Duscher – ich bin Morgen-Duscher, das gibt keine Kollisionen im Badezimmer. Des weiteren sind sie immer gut gelaunt und pfeifen meist leise vor sich hin. Heute haben sie mir erzählt, sie würden bald einen Tanzkurs machen (kommt fast an den Kontrabass hin), sie haben mich gefragt, was Cannabis sei und sie lösen etliche meiner Lebensprobleme gleichzeitig. So hatte ich beispielsweise seit langem das Bedürfnis, wieder mehr englisch zu reden – mit ihnen kann ich mich nur auf englisch unterhalten. Des Weiteren sind die beiden Informatiker und können all meine Computerfragen beantworten. Ausserdem lerne ich neue Fleischsorten kennen, erfahre alles über Shanghai und, sozusagen als Krönung hat sich letzten Woche auch noch herausgestellt, dass die beiden Badminton spielen. Richtig gut Badminton spielen. Genau das sind meine Kinesen aus der Kindheit. Vergessen sind die Bärengraben-eventuell-auch-Japaner-Gaffer.
Kontrabass spielen meine Kinesen zwar nicht, dafür haben wir auch nicht jeden Abend die Polizei im Haus... :)