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GOLD GEWONNEN

Die Pendenzenliste auf dem Schreibtisch ist mehr als eine A4 Seite lang, 18 Punkte stehen da. Einer wichtiger als der andere. Abgebaut werden kann die Liste aber erst, wenn diejenige, die sich tagsüber parallel dazu in meinem Kopf gebildet hat, durchgeackert ist. Arbeit, die sozusagen noch vor der Arbeit erledigt werden muss – und das alles in der Freizeit... Es gibt Tage, da weiss ich vor lauter Zu-erledigenden-Dingen kaum wo mir der Kopf steht. Gestern Abend war so ein Moment. Doch er nahm eine überraschende Wende...

Um rasch eine Einzahlung am Computer zu machen (die oberste Kopf-Pendenz), kramte ich in meiner Tasche nach dem Portemonnaie und... - das rote Universum war weg! Verschwunden! Mit fahrigen Bewegungen tastete ich mich durch Mäntel, Taschen, über Sofa und Stühle unter dem Tisch hindurch – von Zimmer zu Zimmer. Im Kopf ging ich derweil mehr oder weniger systematisch sämtliche Orte durch, an denen ich das rote Universum zuletzt gehabt haben könnte. Beim Mittagessen in Spiez, soviel stand fest, hatte ich es noch. Danach Blackout. Drei Taschen hatte ich dabei, an 4 Orten war ich.... So langsam wurden jetzt die Wo- und Wann-Gedanken durch Gesichter mit Tatverdächtigen ersetzt. Hat’s der Junkie geklaut? Die Serviertochter im Restaurant? Ein zufälliger Passant? Die feigen Diebstahl-Gedanken wiederum wurden rasch einmal durch systematischere Wie-weiter-Gedanken ersetzt: Was wenn es tatsächlich weg ist? Karten erneuern, Kreditkarte sperren, Führerschein bestellen, GA zum zweiten mal nachbestellen (geht gar nicht?!?).... Mitten in diesem Horrorszenario ertastete ich es auf einmal: Auf der hinteren Innenseite meiner Haupttasche. Als mir klar wurde, wieviel Zeit die Wiederherstellung des Status Quo gekostet hätte, wäre das Ding tatsächlich weg gewesen, kamen mir meine beiden Pendenzenlisten auf einmal lächerlich vor. Sie wären um Stunden, manche Punkte gar um Tage in den Hintergrund gerückt. Ergo: Ich hatte Zeit gewonnen. Genüsslich legte ich mich deshlab vor den Fernseher und... tatsächlich: Carlo Janka holte Gold!

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DAS LETZTE IM 2009

Folgenden Brief musste ich zum Jahresende an die Betreiber des Berner Spa Westside/Bernaqua schicken:

Betreff: Haarschaden / Sehr geehrte Damen und Herren

Bei meinem Besuch im Bernaqua - Erlebnisbad Spa am Freitag, 18. Dezember 2009 zwischen 16.00 Uhr und 18.00 Uhr, hat sich in meinem Haar ein Stück Spachtel- oder Silikonmasse verfangen. Das Material ist wohl in der Rinne hinter dem Becken angeschwemmt worden und hat sich im Sprudelbad in meinem langen, geflochtenen Haar festgehakt. Die undefinierbare Masse war von einer derart festen Konsistenz, dass sie nicht ausgespült werden konnte. Der diensthabende Bademeister und mein Begleiter, mussten einen Teil der Masse unmittelbar nach dem Vorfall mit einer Schere aus dem Haar herausschneiden. Leider blieben Rückstände im Haar zurück, die ich auch nach mehreren Stunden und einer intensiven Haar-Pflegespülung nicht selbst entfernen konnte. Erst ein Besuch beim Coiffeur Face in der Berner Innenstadt (siehe Quittung) schaffte Abhilfe. Die Coiffeuse reinigte die Haare mit einer intensiven Leimentfernungskur. Danach musste sie die verklebten Haare um ca. 15 cm. kürzen und die Schnittstellen des Bademeisters und meines Kollegen ausgleichen. Zur Illustration finden Sie in der Beilage dieses Briefes ein Handy-Bild, welches die Rückstände im Haar kurz vor dem Coiffeurbesuch zeigt. Ich bedaure den Vorfall sehr und hoffe, dass Sie ein angemessenes Entgegenkommen zeigen. Mit freundlichen Grüssen und einem grossen Kompliment an Ihren hilfsbereiten Bademeister.

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SIE KOMMEN...

Wer? Das wusste ich bis vor kurzem selbst nicht. Jetzt weiss ich es oder vielmehr, ich habe den Auftrag gefasst, es zu verbreiten: "Die Morphinisten kommen".

Kein Witz. Ebendiese werden in Kürze die Schweiz einnehmen. Sie werden ihren Vertreter in den Bundesrat einschleusen und danach den Staat sukzessive abbauen...

Woher ich das alles und noch viel darüber weiss? - Von einer älteren, edel gekleideten Dame im Zug 07.00 Uhr Bern – Zürich. Ob dieser Platz noch frei sei, fragte sie mich höflich und stand, kaum hatte sie sich zu mir hingesetzt, auch schon wieder auf und gab mir den Auftrag (den ich in diesem Moment erfülle) ihre seltsame Geschichte niederzuschreiben.

Die Morphinisten, um die es in der Geschichte ging, würden sie, sobald sie die Nachricht an mich weitergeleitet habe, um die Ecke bringen. So wie sie fast alle Frauen der Welt bald umbringen würden. Nur diejenigen, die ihre Kinder austragen sollen, würden die Morphinisten verschonen. Ein regelrechter Holocaust an der Frau stehe uns bevor. Ich war gelinge gesagt schockiert über diese Aussage. Männer, so offenbarte mir die Dame mit leiser werdender Stimme, mögen nämlich Frauen gar nicht. Männer sind schwul und stehen ausschließlich auf ganz junge Männer, die sie sich heimlich im Keller „halten“. Frauen dulden sie nur, um sich fortzupflanzen und (im Moment noch) um sich zu tarnen. Ich wurde langsam nervös, hörte aber weiter zu, denn diese Morphinisten begannen mich irgendwie doch zu interessieren. Den Ursprung nehme das ganze Übel, so erklärt die Dame, im fernen Osten. Bei, wie könnte es anders sein, Osama b. Laden. Er und seine Gefolgsleute seien im Begriff, die Welt mit Morphium zu vergiften und Land für Land „frauenfeindlich und drogensüchtig zu machen“. Das  Ziel der Morphinisten sei nämlich erst die Unmündigkeit der Weltbürger und in einem nächsten Schritt dann die Islamisierung der Welt. Und hinter Herrn bin Laden stecke noch mal ein ganz anderer: der Fraktil-Jude. Das teilte mir die Dame ungefähr auf Höhe Olten mit und sprach dabei unheimlich schnell und leise, sodass ich zunehmende wacher und perplexer wurde. Alles kann ich an dieser Stelle leider nicht wiedergeben (es war 7.00 Uhr früh!) aber hier noch ein paar brisante Details: Das Nest in der Schweiz, von wo aus sich die Morphinisten verbreiten, sei in Luzern – der Hochburg der CVP, die schon fast gänzlich unterwandert sei. Die Morphinisten hätten kürzlich gar den Landsitz des Vaters der Dame eingenommen. Darüber staunte ich nicht schlecht und auch der Geschäftsmann im Abteil nebenan schien von dieser Aussage Notiz zu nehmen - er hob die Augenbrauen. Jünglinge aus dem Osten würden dort seit Jahren unter der Erde als Sexsklaven gehalten. In Luzern würden sich nämlich auf ganz wundersamer Weise die weltweiten Verbindungen zwischen Nord-Süd, Ost-West kreuzen.

Mein persönlicher Höhepunkt der Geschichte ist aber der Schlüssel zum Ganzen oder der Grund, warum die morphinisierung der Welt so reibungslos funktioniere: Die Morphinisten haben eine 20 Prozent höhere Libido als der normale Mensch! Das gebe ihnen die Kraft für die Revolution. An dieser Stelle fuhr der Zug  in Zürich ein und ich musste entschuldigend meine Sachen zusammenkramen.

Als ich im Hauptbahnhof ausstieg, rief die Dame mir noch nach: „Vergessen sie nicht ihre Mission, junge Frau. Und: kein Alkohol, kein Alkohol!!!“. Jetzt endlich wurden auch unsere kopfhörer-tragenden Mitreisenden auf uns beide aufmerksam. Anstatt aber die interessante Dame anzugucken, schauten sie alle mich schräg an. Und irgendwie hatten sie Recht. Nach der ganzen Geschichte hatte ich jetzt (morgens um 8) tatsächlich fast ein wenig Lust auf ein Bier... ;)

Immerhin: Meine Mission ist hiermit erfüllt und ich hoffe, sie kommen nicht wirklich...

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RUF MICH AN!

...oder umgekehrt, in meinem Falle: Ich rufe Sie an. Rund um die Uhr, drei Monate lang, wenn Sie wollen. Warum? - Weil ich mir über Telefongebühren solange keine Gedanken zu machen brauche. Ich bekomme drei Monate lang die Handy-Rechnung bezahlt. Von jemandem, neben dem ich am 17.12.2007  zum letzten Mal gesessen habe - einem Journalistenkollegen.

Damals, an einer langweiligen Stadtratssitzung,  haben er und ich eine Wette abgeschlossen. Die Polit-Parteien im Stadtrat stritten sich an diesem Abend unendlich lange über das Bauprojekt: „Eissportsstätte Burgorf – a.s.a.p“ . Die einen wollten bei diesem Projekt Stadt-Geld mit vollen Händen ausgeben, andere genau hier den Sparhebel ansetzen. Es war ungefähr die hundertste Sitzung zum Thema, wir alle kannten die Statements der verschiedenen Interessenvertreter auswendig und wollten nichts mehr davon hören. Wir in der hintersten Reihe, die anwesenden Lokal-Journalisten, wollten nur eins: Einen raschen Entscheid. Um mich vom Gähnen abzulenken flüsterte ich damals meinem Banknachbar zu: „Egal was die Gegner meinen, diese Stätte wird irgendwann gebaut“. Er hingegen meinte: “nie und nimmer gibt es diese Eissportstätte“. Halb im Ernst, halb im Spass wurden daraufhin Hände geschüttelt und auf einem A5-Notizblock wurde die Wette schriftlich festgehalten. Die Wett-Parteien unterzeichneten feierlich, ein dritter fungierte als Augen- und Ohrenzeuge. Dies, während sich die Stadträte unten im Saal weiterhin zu „a.s.a.p“ auf die Rübe gaben.

Fast zwei Jahre später ist diesen Sommer der Spatenstich gefallen. Ich habe den grossen Moment verpasst und die Wette schon fast vergessen. Doch der faire Wettpartner hat sich bei mir gemeldet und das Papier hervorgekramt...

Wer hätte gedacht, dass sich diese langweiligen Parlamentssitzungen irgendwann – im wahrsten Sinne des Wortes – auszahlen würden?!

 

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Друзья - FREUNDE

Andrei und Trischk hiessen sie oder zumindest waren das die Wortfetzen, die wir bei der Begrüssung verstanden haben und die beiden Männer fortan so nannten. Sie: zwei Fernfahrer mit Route Astana (Kasachstan) – Osch (Kirgistan). Eine Route über 3500 Meter hohe Pässe, auf denkbar schlechten Strassen durch kilometerweites Niemandsland. Eine Route, auf der es im Sommer tropisch warm und im Winter sibirisch kalt ist. Ihr Laster ist mit 20 Tonnen Zement beladen, so dass sowohl bei Steigung als auch bei Neigung maximal 20 Stundenkilometer möglich sind. Zusammen trinken Andrei und Trischk alle zwei Stunden Chai/Tee und essen Schokolade-Täfeli. Abends gibt es ein kaltes Poulet vom Strassenstand, geschlafen wird direkt hinter dem Steuer, jeweils von dem, der gerade nicht fährt. Andrei ist Russe und sieht aus wie Moritz Bleibtreu in lustig und Trischk, der Kirgise, könnte das Cover einer Helvetas Broschüre zieren.

Von diesen beiden und ihrem Zementlaster haben wir uns auf unserer Veloreise durch Kirgisien aufgabeln lassen. Mit dem Fahrrad wären wir nicht langsamer unterwegs gewesen, doch meine Knie brauchten dringend eine Pause vom „Passfahren“. Andrei und Trischk versenkten unsere Fahrräder zwischen die zentnerschweren Betonelemente auf der offenen Ladefläche und klemmten die Saccochen irgendwo dazwischen. Obwohl es in der Führerkabine 40 Grad warm und zu viert recht eng war, fühlten wir uns auf Anhieb wohl mit Andrei und Trischk. Das Russich ging erstaunlich leicht über unsere Lippen, wir tranken literweise heissen Tee aus Andreis und Trischks Tassen, assen geschmolzene Täfeli und schauten verzückt auf die kleinen Autos herunter, die uns sonst in Angst und Schrecken versetzten. Ein Traum-Ruhetag auf der rechten Überholspur...

Dann wurde die Idylle durch das Klingen eines Handy gebrochen. „Da, Roman...“, meldete sich Andrei am gemeinsamen Handy. Ein Mann namens Roman war dran. Wohl der Chef der beiden, nahmen wir an. Der Mann am anderen Ende sprach hektisch und rief von da an immer wieder an. Unsere beiden Freunde wurden am Telefon jeweils ganz ernst und erzählten mit Seitenblick auf uns von „... Turist...taxi...“ das machte uns unsicher, irgendwie misstrauisch. Waren Andrei und Trischk vielleicht gar nicht so nett, wie sie aussahen? Trog die Idylle in der schweineheissen mit Teppichen ausgesstopften Führerkabine? Wo führten sie uns hin? Wer war Roman? Waren wir naiv und liessen uns mitten im Niemandsland entführen?

Auf einmal, ein lautstarker Knall: Kein Schuss. Ein Pneu war geplatzt. Das Flicken in Teamarbeit dauerte knapp ¾ Stunden. Der kaputte Pneu (ca. ein Meter hoch) wurde den Hang hinunter in den See geworfen. Wir fuhren weiter. Danach, in der engen Kabine, waren unsere Zweifel wieder verflogen, das vertraute Gefühl wieder da. Andrei und Trischk waren unsere Freunde, unsere Drugas. Wir lehnten zurück, gondelten durch die mittlerweile zappendusteren Strassen und schämten uns im Stillen für unser Misstrauen.

Doch dann brach Andrei die Idylle erneut. Er nahm den Kontakt zur Aussenwelt auf und telefonierte mit Roman „turist... da ... turist...“. Er hängte ein, fuhr scharf rechts ran und bat uns auszusteigen. Hier könnten wir unsere Zelte aufschlagen, hier sei ein schöner Platz für uns. Wir kletterten mit steifen Gliedern aus dem Laster und sahen hinter uns einen anderen Zementlaster anhalten und im grellen Scheinwerferlicht zwei Männer auf uns zukommen. Das also war der Komplott, ging es uns durch den Kopf: die zwei sollten uns das Gepäck abnehmen, uns ausrauben und dann im See versenken. Der eine war Roman, Andrei und Trischkeru seine Komplizen...

Das Gegenteil war der Fall: die beiden vom hinteren Lastwagen sollten dabei helfen unser Gepäck vom Laster runterzuhieven. Dazu waren sie wohl telefonisch beordert worden. Zum Abschluss gab eine ausführliche Handy-Fotosession, Abschieds-Händeschütteln, Adressentausch...

Echte Друзья schmieden keine Komplotte!

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MÄNNERAMMORGEN

Tasche und Schirm links, Plastiksack und Zehnernote rechts. Es ist 07.25 Uhr morgens, ich stehe im Bahnhof am Migros-Takeaway-Schalter und will mir für die Zugfahrt einen Kaffee holen. Da passiert das Unglaubliche, das eigentlich immer passiert: Just als ich den Mund öffne um zu bestellen, übertönt mich ein MANN hinter mir mit einer Cappuccino-Bestellung. Der andere MANN, der hinter dem Tresen mit dem grünen Schurz, hält nichts von Fairness und bedient den, der am lautesten Schreit zuerst – den MANN rechts von mir. Ich schlucke den Ärger runter, verlagere das Gewicht meiner Tasche auf die andere Schulter und warte geduldig.
Auf dem Perron ahne ich so langsam, dass wohl ein ziemlicher Pissnelkentag angebrochen ist: Urplötzlich stehe ich mitten in einem Rudel uniformierter Militärburschen. Es riecht nach Salami und alten Socken und ich komme mir vor, als würde ich mich im Bikini durch die schwitzenden Körper walzen (warum Männer in Militäruniformen Frauen grundsätzlich blöd anglotzen werde ich nie verstehen). Natürlich bin ich nun zu spät für einen guten Platz. Immerhin erwische ich einen. Warum dieser frei ist, wird mir klar, als ich sitze: Der MANN visavis sieht seltsam aus. Ovomaltine-Hut, Hosen bis unter die Brustwarzen und weisse Socken in Sandalen. Kein Typ vor dem man sich frühmorgens fürchten müsste aber dennoch.... Immerhin zettelt er kein Gespräch an. Im Gegenteil. Er fummelt ununterbrochen an seinem Handy herum, das er ganz nahe an sein Gesicht hält. Dann der "Gipfel": Der MANN schiesst ein Fotos von mir, steckt das Handy in seine orange Tasche und blickt unbeteiligt zum Fenster raus. Ich reagiere äusserlich nicht einmal darauf. Ich mag nicht mehr.

Als Krönung des Pissnelkenmorgens vernehme ich auf einmal, dass sich ein süsslich-salziger Geruch im Abteil breit macht. Der MANN diagonal von mir hält einen Tomme-Käse in Händen, das Papier wie eine Banane heruntergeschält, und isst ihn. Den ganzen. Morgens um 07.40! Dass der Mann neben mir die Armlehne zwischen uns vollkommen für sich beansprucht muss ich wohl kaum erwähnen...

Ich versuche die MÄNNER um mich herum auszublenden und blättere in meiner Zeitung. Da fällt mir auf... - MÄNNER regieren die Welt. Also sind sie doch nicht so übel.... Oder ist das jetzt eine Fehlüberlegung :)?

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DER TIEFE FALL in die zweite Schublade

Er setzt sich mir gegenüber. Derart gegenüber, dass er von Beginn an stört. In unserem Zug-Vierer-Abteil hätte es noch zwei weitere freie Plätze, doch anstatt diagonal zu mir, sitzt er ebenfalls ans Fenster, also mir gegenüber und zwar so, dass sich unsere Knie auf Anhieb berühren. Doch eigentlich hat er ja recht, der Mann. Der Feierabendzug füllt sich mehr und mehr, der Knie-Berühr-Platz wäre sowieso besetzt worden. Warum also nicht von ihm. Er wirkt schliesslich sehr nett. Ein älterer Herr, schütteres graues Haar, brauner Pullover, graue Teweed-Hose, ein ständiges Lächeln im Gesicht, als Reaktion auf etwas, dass er sich anhört. Mit einem uralten Walkman, eher einer Art Diktiergerät, lauscht er irgendwelchen Frauenstimmen und lächelt dazu. Rasch beginnen sich meine Gedanken um den möglichen Inhalt des Ton-Files zu drehen. Ist er Politiker und hört sich die Rede seiner Gegnerin an, ist er Wissenschaftler und hört sich Interviews an, die er transkribieren will oder hört er sich vielleicht einen Podcast einer Radiosendung an? Intellektuell ist er ganz bestimmt. Eher Professor als Politiker und eher berühmt als gewöhnlich, sinniere ich. Irgendwie kommt mir sein Gesicht, jetzt wo ich so darüber nachdenke, sogar ein wenig bekannt vor...
Dann nähert sich der Kondukteur und damit der grosse Fall des Super-Professors. Beim Versuch sein Billet hervorzukramen, fällt das Mega-Tonband-Gerät herunter, der Stecker reisst aus und durch die Stille des Zuges flattern die Wortfetzen „... una ereccio grande...“. Nicht mehr und nicht weniger. Der Mann zielt blitzschnell mit der Hand Richtung Mega-Tonband-Gerät, drückt Stopp und stöpselt wieder ein.
Unbewusst und unglaublich schnell zieht sich in meinem Kopf die zweite Schublade auf: Auf einmal ist der Mann ein alter Lüstling, der sich quietschvergnügt im vollgestopften Zug schmutzige Dinge anhört. Die Ellenbogenpolster aus Leder (die so gut zum Professor gepasst hätten) scheinen auf einmal eine Spur zu speckig, seine Wangen zu gerötet, seine Tasche voller obszöner Dinge. Und wer weiss, vielleicht fährt er auch nur Zug, um seine Knie zum Tonbandhören an irgendwelchen Frauenknien zu reiben. Ich presse mich in den Sitz und sehne mir den Bahnhof Bern herbei.

Im Nachhinein und aus der Distanz betrachtet passen beide Bilder nicht zu dem Mann und ich lerne einmal mehr, dass Schubladen die sich automatisch öffnen, schnellstmöglich wieder zu schliessen sind.

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ROSAROTCHEN wendet das Blatt

Montagnacht, 23.45 Uhr, ich  eile durch matschigen Schneeregen zur Tram-Haltestelle. In zwei Minuten fährt das letzte Tram, noch trennen mich 80 Schritte vom Gleis. Da sehe ich sie.
Von weitem und leicht verschwommen sehe ich sie im Dunkeln sitzen, vornübergebeugt auf der eiskalten Haltestellenbank: Ein kleines Mädchen in einem bauschigen rosaroten Rock, mit schwarzer Jacke dazu schwarze Schuhe. „Ein Tamilenmädchen“, schiesst es mir durch den Kopf. An Festtagen sind diese oft in ganz bunte Röcke gekleidet, niedlich und farbenfroh. Vielleicht ist heute ein Feiertag den mein Kulturkreis nicht kennt.
Doch, auch wenn dem so ist, etwas am Bild stimmt nicht. Die festlich angezogene Familie fehlt. Das Mädchen ist allein. Ausserdem ist in 14 Minuten Mitternacht, es schneit, ist saukalt, gleich fährt hier das allerletzte Tram Richtung Stadt UND das Mädchen friert - sein Atem zeichnet Hauch in die Luft.
Ich überlege verzweifelt, was ich tun kann, um meiner Erwachsenen-Rolle gerecht zu werden. Ist es meine Pflicht, das Mädchen nach Hause zu geleiten oder darf ich sie einfach ihrem Schicksal überlassen?
Noch 40 Schritte... das Tamilen-Mädchen-Bild verschwimmt vor meinen Augen. Ich blinzle. Bei 20 Schritt Entfernung (ohne Brille) verwandelt es sich auf einmal in in einen Jugendlichen. Einen jungen Wilden mit schwarzer Mütze, schwarzen Stiefeln, besoffen vornüber zusammengesackt. Zu seinen Füssen ein gigantischer weiss-pink-gemusterter Coop-Plastiksack. Mein Erwachsenen-Gefühl schwindet zusammen mit dem eben noch aufgekeimten Beschützersinstinkt und macht leichtem Schauer Platz.
Ob der Sack (der ehemalige Festtagsrock) wohl voller Waffen ist? Ich hoffe darauf, dass irgendjemand im nahenden Tram sitzt, der mir im Worst-Case helfen könnte.

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GLOT (eine wahre Geschichte)

Zug 07.30, Bern Zürich. Die Abteile sind randvoll, die kleinen Plastiktische ausgeklappt. Wie ich, sind auch die anderen allein in der morgendlichen Pendlermasse. Keiner spricht ein Wort. Manche streifen mit Leuchtstift über Papier, andere lesen Physikbücher, wieder andere versuchen beim „Gipfeliessen“ keine „Brösmeli“ zu machen. Ein Mann schläft, ich schaue ihm zu. Dies, weil „schräg nach vorn“ die beste Kopfhaltung für mich, respektive für meine komplizierte Frisur ist und ich keine Zeitung dabei habe und auch nicht mehr schlafen will.
Er hat das Kinn auf der Brust und Atmet regelmässig, der Mann. Auf einmal schreckt er hoch, reisst die Augen auf und sagt mittellaut, was im morgendlich stillen Zug einem Megaphonruf gleichkommt, „GLOT“.
Glot? - Fragen sich vermutlich sämtliche Passagiere auf einen Schlag und sehen sich um. Jeder verdächtigt jeden, diesen ungewohnten Laut von sich gegeben zu haben. Die meisten verdächtigen richtigerweise einen Mann, viele sogar eben den Mann. Den Mann, der seit er GLOT gesagt hat, mit gerötetem Kopf und wachen Augen auf seinem Sessel sitzt und sich wohl gerade fragt :“Habe ich das jetzt tatsächlich laut gesagt?“. Ja, hat er. Warum, weiss keiner so genau. Aber die Pendlermasse ist unruhig geworden. Augen wandern herum, Ohren sind gespitzt, sogar der gelbe Leuchtstift streift nicht weiter übers Papier. Olten – Zürich, mit Hochspannung warten mindestens 7 Pendler darauf, dass GLOT in einen sinngebenden Rahmen gebettet wird.
Das geschieht nicht, die Pendlerschar steigt am HB aus. Ich denke, ich gehe richtig in der Annahme, dass am gestrigen Tag manch ein Morgenpendler über das Wort GLOTT nachgrübelte...

KOT - GLATT - GOTT - CLAUDE - GALOPP – auch ich weiss es nicht!   

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FEENSTAUB

Wir kennen sie aus Märchenbüchern und unserer eigenen Traumwelt; sie sind uns fremd und fern und doch irgendwie bekannt und echt: Feen und Elfen. Habt Ihr schon welche gesehen?
Wenn nicht, dann lohnt sich eine "langsame" (Fuss/Fahrrad/Skate) Reise in den Norden, konkreter nach Estland. Ins Land der dunkelgrünen Wälder, der eiskalt-nassen Nächte, der überhitzten Saunas und des eisig-verwindeten Meers. Nicht, dass sich die Fabelwesen dort direkt unter die Menschen mischen. Nein, aber sie leben irgendwo zwischen ihnen. Wer sich in den Estnischen Alltag eingibt, beginnt auf einmal, sie zu spüren. Zuerst nimmt er nur einen feinen Zauber war, den die Wesen über die Einheimischen legen. Dann, auf einmal, sieht er den Zauber in den Gesichtern eines jeden um ihn herum. Estinnen und Esten sind zwar Menschen wie wir auch, doch die Luft zwischen ihnen ist verzaubert und hüllt sie in einem geheimnisvollen Mantel. Die Folge davon: Die Menschen nicken statt zu reden, sie lächeln statt zu lachen, streicheln ihre Kinder statt sie zurechtzuweisen usw...


Ich hoffe, dass ich von dieser Reise einen Beutel des speziellen Staubes mit nach Hause retten konnte und, dass sich dieser in all der Feuchtigkeit meiner Saccochen nicht zu Teig verkommen ist.

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