Eine Gruppe Menschen schart sich um einen Pott voller frischer Milch. Er reicht ihnen bis zu den Hüften. Ich bin eine davon. Alle starren wir gebannt in die weisse Flüssigkeit. Der Mann Visavis von mir hält auf einmal einen Stabmixer in der Hand und taucht diesen vorsichtig in die Milch. Er wolle „lustigen Schaum“ machen für die Katze, die unter der Oberfläche schwimme, verkündet er. Die Menschen jubeln. Jetzt erst sehe ich das Tier oder zumindest seine Umrisse. Es scheint, knapp unter der Milchhaut, mit einem Wollknäuel zu spielen. Ich weiss, dass der Mixer das Tier gefährden kann, sage es dem Mann aber nicht. Ich will ihm nicht vorschreiben, was er zu tun hat und vertraue einfach darauf, dass er selbst merkt, dass dies böse enden könnte. Niemand ausser mir scheint diese Gefahr zu erkennen. Alle kichern über das witzige Zusammenspiel von Katze und Mixer. Als der Mixer mit den Klingen die Barthaare der Katze zu kraulen scheint, halte ich den Atem an und schliesse kurz die Augen. Danach ist es still und die Katze bewegt sich nicht mehr. Jemand meint, das Tier wolle uns nur hereinlegen und greift in den Pott. Als seine Hand wieder aus der Milch auftaucht, hält sie den tropfenden Stumpf der Katze fest. Die Katze ist glatt halbiert, wie frisches Fleisch mit einem Küchenmesser. Und mausetot. Ich drehe mich um, springe in ein rosarotes Barbie-Auto und flüchte aus der Szenerie!
Hm... kein Plan, was dieser Traum von letzter Nacht bedeuten soll J
Ich auf einer eisernen Rutschbahn. Ich beim Werfen einer roten Boccia-Kugel. Ich mit einer Glacé am Strand von irgendwo und ich im loddeligen Rosa-Badekleid an einem anderen Strand im Nirgendwo...
Solche Ich-Bilder formen meine Erinnerung an „Früher“. Sie haften in meinem Kopf weil ich sie über die letzten Jahre hinweg immer wieder angeschaut und mich an die Szenen drumherum erinnert habe. Deutlicher als an alles andere, was in meinem Leben geschehen ist. Es sind Fotos. Meist von meinen Eltern oder meiner Schwester geschossen. Ob Winter- oder Sommerbilder, haben sie alle eines gemeinsam: Sie wurden an den so genannten „Höhepunkten des Jahres“ geknipst. Ein buntes Sammelsurium an Lebensbildern, das an meinem geistigen Auge vorbeizieht, wenn ich mal das zeitliche segne.... - oder eben gerade nicht? Wären dies vielleicht ganz andere Bilder? Bilder, die gar nie aufgenommen wurden? Bilder, die meinen tatsächlichen Alltag zwischen all den abgebildeten Höhepunkten abbilden? Manchmal, wenn man ganz genau hinsieht, entdeckt man sie im Kontext der HÖHEPUNKTE-BILDER: Die Migros im Hintergrund, das Wohnzimmer, in dem die Tannenbaumszene stattfindet, das Auto auf dem Parkplatz... Doch sonst stehen unsere ALLTAGSBILDER unter einer Art Foto-Schutz. Kein Fotoapparat würde je ein solches zum Aufnehmen würdig befinden. Sie sind zu normal und genau das ist ein Fehler.
Experiment: Es ist an der Zeit, konkrete Erinnerungen für Morgen vorzubereiten. Das beste Mittel dazu ist das Handy. Mit ihm lassen sich die ALLTAGSBILDER ins rechte Licht rücken, ohne, dass das ganze Umfeld denkt, man sei verrückt. Im Foto-Ordner abgelegt unter "ALLTAGSBILDER", bin ich mir sicher, dass genau das die Bilder sind, die sie und ihre Nachkommen in 20 Jahren am brennendsten interessieren. Keiner wird dazu je sagen: Ach und das ist wieder „Im Bad von nirgendwo“.
Sommer 1987. Ich bin neun Jahre alt und zeichne einen Bären, der auf einer winzigen Wolke hockt und auf eine vierköpfige Strichmann-Familie runterguckt. Die Zeichnen-Viertelstunde ist für mich das Highlight des sonntagmorgendlichen Sonntagsschulbesuches. Die Sonntagsschullehrerin zeigt sich verblüfft über mein Werk und meint, ich solle noch einmal von vorne beginnen - diesmal mit einer „schöneren“ Zeichnung...
Diese Szene, die in meiner Biografie weit zurück liegt ist mir heute auf dem Nachhauseweg durch den Kopf gegangen. Einer dieser wertvollen Gedankenblitze aus der Kindheit.
Und heute bin ICH verblüfft.
Erstens darüber, dass die Sonntagsschullehrerin damals überhaupt von uns Kindern verlangt hat, dass wir Gott zeichnen (du sollst dir kein Bildnis machen – oder wie war das?).
Und zweitens darüber, dass ich Anstelle von Gott einen Bären gezeichnet, ja die zwei Dinge ganz einfach miteinander verwechselt habe. Nicht, dass sie jetzt denken, ich sei ungläubig aufgewachsen. Ganz im Gegenteil. Die Sonntagsschulbesuche sind der beste Beweis dafür. Aber meine grosse Schwester besass damals einen Stoffbären. Der war so riesig wie ich mit fünf Jahren und er trug den Namen „Gottlieb“. So einfach ist das. Für mich liessen sich die Begriffe „der liebe Gott“ und „der Gott lieb“ nie ganz voneinander trennen und so ist das Bildnis vom Allmächtigen, das man sich ja nicht machen soll, bei mir seit frühester Kindheit ein ganz klares.
Sinnigerweise ist der Kindheits-Blitz genau dann in meinem Kopf eingeschlagen, als ich mit Bus Nummer 12 den Bärengraben passierte...
Minus und Minus ergeben Plus – dies ist eins der wenigen mathematischen Gesetze, das ich mir immer merken konnte. Und es funktioniert auch im wirklichen Leben...
Wenn es regnet gehe ich nicht gerne ins Freie. Auf Friedhöfe gehe ich auch nicht sonderlich gerne. Beides sind also Dinge, die ich zu vermeiden pflege. Kürzlich ist mir jedoch aufgefallen, dass sich genau diese zwei, geschickt kombiniert, zu einer echten Bereicherung entwickeln können.
Zwar sieht ein Friedhof bei Regenwetter nicht „anmächeliger“ aus als sonst aber im Zusammenhang mit dem Nass bekommt er eine völlig neue Wirkung. Durch den Regen auf der Haut fühle ich mich auf dem Friedhof einerseits überraschend belebt und durch die Anwesenheit der vielen Gräber macht mir andererseits der Regen nichts mehr aus. Kommt dazu, dass ich auf einmal Zeit habe, mich um ganz sonderbare Dinge zu kümmern. Mich zum Beispiel zu interessieren für die Menschen die unter meinen Füssen liegen. Oder zumindest für deren Geschichten, die ich erahnen kann, wenn ich die Grabsteine eingehend studiere. Auf einmal entdecke ich Zusammenhänge, sehe wer wem wohin gefolgt ist, wer Geld hatte und wer wohl eher nicht. Wer Katzen mochte und wer vielleicht sogar sein Kind zu Grabe getragen hat. Ich entdecke Namensvettern, prominente Bernburger, verdiente Bundesräte und irgendwann sogar ein besonders schöne Plätzchen, das ich sogleich gerne reservieren würde...
Ausserdem gibt mir der Regen-Friedhof das wunderschöne Gefühl zu spüren, dass ich am Leben bin.
Und weil ich mir für meine Ausflüge eine Ruhestätte ausgesucht habe, auf der kein mir bekannter Toter liegt, verschafft mir der Besuch ausserdem die ungemeine Erleichterung, an solch einem Ort keine Trauer zu verspüren.
In der Zwischenzeit kann ich ja schon mal... – was eigentlich? Was tut ein Mensch in seiner Zwischenzeit? Zwischen kleinen Dingen verhält es sich vergleichsweise einfach: Da gibt es Zimmer aufzuräumen, Telefonate zu erledigen, Apéros zu essen, etc. Was aber sind die Möglichkeiten, wenn Mensch zwischen grösseren Dingen steht?
Ich bin zurzeit in einer solchen Situation. Beruflich gesehen. Das Alte ist noch nicht beendet, das Neue bereits fixiert, die Zwischenzeit angebrochen. Eigentlich bliebe jetzt, bis hin zum Neuen, ja alles beim Alten. Doch dem ist erfahrungsgemäß nicht so. Allein durch die Existenz des Neuen, beginnt das Alte zu bröckeln. Es verliert an Energie, Spannkraft, Substanz und Kontur. Es wird fremd und es wird immer schwieriger zu fassen und zu bändigen.
Die Hauptaufgaben in einer derartigen Zwischenzeit sind wohl das Aufräumen, Abschliessen und das Im-Griff-Behalten der Dinge.
Und genau das habe ich vor wenigen Tagen in Angriff genommen. Dabei habe ich für einmal, anstatt der Elektronik, dem Papier den Vorrang gegeben. Meine rote Moleskine-Agenda sollte das Alte regeln, bevor das Neue da ist. Deadlines, Anfänge und Abschlüsse, Gespräche und Abschiede - Alles habe ich fein säuberlich auf die weissen Plätze auf dem Papier verteilt. Die dazugehörigen Zetteli und Notizen sind nach Beendigung der guten Tat selbstverständlich im Papierkorb gelandet. Die Zwischenzeit war organisiert.
Doch dann, der Strich durch die Rechnung: Meine rote Moleskine-Agenda wurde entführt. Spurlos verschwunden ist sie. Weggekommen, just an dem Tag, an dem die papierne Planung abgeschlossen war. Weder SBB-Fundbüro noch geschäftsinterner Marktplatz konnten helfen. Zusammen mit all meinen Deadlines, mit allen Abschlüssen, Gesprächen und noch zu treffenden Menschen und Verpflichtungen hat sich meine schöne rote Moleskine-Agenda aus dem Staub gemacht.
Pissnelke oder Schickfall? Ich deute es als Wink, meine Zwischenzeit für einmal gerade anders herum anzupacken als geplant: Ich starte heute mein Leben „in between“ - sorgenfrei und flatterhaft.
Tag für Tag frage ich mich, wann ich sie habe gehen lassen - die Gerüche meiner Kindheit. Und ich weiss, ich will sie wiederhaben.
Wenn ich frühmorgens im Zug das Gesicht an die kalte Panzerglasscheibe lehne und die Welt an meinem müden Blick voreirast, vermisse ich sie besonders. Dann merke ich, wie sehr sich mein Geruchsspektrum in den letzten Jahren eingeschränkt hat: Ob im Büro, Zug, Bus oder Zuhause im Wohnzimmer - es riecht stets ähnlich - nach einer milden Mischung aus Teppich, Beton, Fasern und Mensch. Alles andere bleibt aussen vor. So auch die Gerüche meiner Kindheit.
In den stillen Zugsmomenten kommt die Sehnsucht nach ihnen auf. Kurz nach Aarau beispielsweise schmiert ein Fußballfeld am Glas vorüber. Meist ist das Feld Menschenleer mit grünem, braunem oder schneebedecktem Rasen. Die Sehnsucht, an dieser Szenerie mit mehr als den Augen teilzuhaben, ist an manchen Tagen riesig. Ich möchte das Gras riechen, will den Duft des weissen Strichs rausfiltern, will die nasse Erde einatmen...
Ein prägender Geruch aus meiner Kindheit. Genauso wie der herben Duft im Keller der alten Wohnadresse meiner Eltern (bis heute mein Lieblingsduft), die staubige Tennisballmaschine meines alten Tennistrainers oder der feuchte Waldrand hinter meinem Kindheitsquartier. Sie alle sind weg. Die Bilder sind zwar noch da, doch die Gefühle kleben erstaunlicherweise nicht am Bild, sondern am Geruch.
Einen um den anderen sammle ich sie heute wieder ein. Den Fussballplatz meiner Kindheit beispielsweise mit einer bestimmten Teemischung. Die Mischung welche die Fussballer, zu denen damals mein Vater gehörte, in den Pausen tranken und wovon ich stets ein paar Schluck getrunken habe. Diese Teemixtur ist der Schlüssel zu meinen persönlichen Sonntags-Fussball-Gefühlen und stillt meine Sehnsucht nach den vorbeirauschenden Bildern...
Ich trete näher, kneife das schwächere Auge zusammen, die Anzeigetafel zeigt: 7 Minuten bis zum nächsten Bus! 1 bis 3 bedeuten, dass ich warte. 4-6 heissen normalerweise, dass ich eine Station zu Fuss gehe. 7 Minuten aber, das ist lang. Ich bedauere mich um meine missliche Lage: Es ist kalt und trocken. Es ist dunkel und menschenleer. Es ist Nacht aber noch nicht Mitternacht. Ich bin allein und habe zuviel Gepäck dabei. In meinem Kopf braut sich eine vage Erinnerung zusammen. Eine Erinnerung an Nächte, in denen ich genau das gesucht habe, worum ich mich jetzt bedauere: Menschenleere, trockene Strassen, die Nachts darauf warten befahren zu werden! Es war die Zeit, die nur mir und meinem geliebten Skateboard gehörte. Momente von unsäglicher Freiheit.
Das Gepäckstück in meiner Hand ist, welch Zufall (?!?), mein ales Skateboard. Ich benutze es an trockenen Sonntagen, um im Ort meiner Eltern, im Ort meiner Kindheit von A nach B zu kommen. Ich nehme es dann jeweils mit (manchmal sogar hinten auf Nr1 oder Nr 2 geschnallt), rolle in Jupe und Stiefeln die geraden Strecken und steige in Bern damit vom Zug auf den Bus um. Warum eigentlich?
Der Gedanke ist zu Ende gedacht, ich lasse den Bus Bus sein und steige aufs Brett. Das Skate knirscht unter meinen schicken Stiefeln. Wir knattern über den Bahnhofplatz hin zum Ziel alter Skater-Nächte: den Berner Lauben. Das Adrenalin schiesst in meine 30-jährigen Adern. Die langen Lauben vom Bahnhof bis zu runter zum Bärengraben liegen vor uns - menschenleer und betonweich. Die Stimme des Mannes, der mir (trotz Jupe und Stiefeln) nachschreit “He, Bueb, pass uf. Spinnsch?“ höre ich nur noch verebben - ich bin verliebt!
Bereits zu Nummer 1 ist mein Verhältnis gespalten: Ich vergöttere und hasse es, bin stolz darauf und würde es am liebsten aussetzen und wenn ich es im Ständer erblicke, erfüllt mich eine Welle quälender Zärtlichkeit. Seit Juni habe ich jetzt noch ein zweites FAHRRAD! Dem „Gratisphänomen“ sei dank. Ein Bekannter meinte, er habe ein Mountainbike, das er nicht mehr brauche, ich könne es haben. Ich nickte gierig, drei Tage später stand Nummer 2 vor meinem Haus und die Dinge nahmen ihren Lauf...
Ich hasse Mountainbikes (bin irgendwie falsch gebaut und mache da drauf einen krummen Rücken). Dieses ganz besonders. Es ist zu gross, es hat keinen Gepäckträger und die Bremsen quietschen. Der Plan war eigentlich folgender: Nummer 2 sollte in Oerlikon wohnen und mir dort auf einer kurzen flachen Strecke den Arbeitsweg vergesündern. Doch der Plan scheitert nun seit vier Monaten am Transport. Das Problem, so klein es für Sie vielleicht klingt, scheint unüberwindbar: frühmorgens mit der Tasche, einem Becher Kaffee UND Nummer 2 in einen überfüllten IC nach Zürich steigen – unmöglich!
So kommt es, dass Nummer 2 noch immer am Bahnhof Bern steht - immerhin nicht mehr vor dem Haus (dem Kopfschütteln der Nachbarn ausgesetzt). Angekettet mit meinem besten Schloss steht es jeden Tag ein bisschen schräger. An manchen Tagen richte ich es zurecht, in ganz liebevollen Minuten, kette ich Nummer 1 sogar an Nummer 2 und halte damit mein schlechtes Gewissen im Zaum...
Vergangenen Montag dann der Schock, der alles verändern sollte: Ein Mann im orange-weissen Gilet begutachtet Nummer 2. Jeder Rad-Pendler weiss: Räder, die länger als 4 Tage an einem Platz stehen, werden von den Orange-Weissen mitgenommen. Kurzerhand setze ich mein empörtes Gesicht auf, schnappe mir Nummer 2 und schiebe das riesen Mountainbike kopfschüttelnd zum Perron. Aber eben, der Kaffeebecher...
Sie ahnen es: Das schlechte Gewissen lauert immer noch in Bern - einen Veloständer weiter vorne...
Schicksal oder Zufall? Ich weiss nicht wer von beiden wahr und wer falsch ist. Was ich dagegen weiss ist, dass Dinge geschehen, die „weder noch“ sind.
Das Wissen darum habe ich aus folgender Situation gezogen: In den vergangenen zwei Wochen begegnete ich viermal der Firma „sia Abrasives“ (stellt Schleifmittel her). Im exakten Abstand von jeweils vier Tagen las ich (A) einen Artikel darüber, hörte (B) einen Podcast dazu, half ich (C) ein Türrahmen mit ebensolchem Papier zu schleifen und versteckte sich (D) der Held im Sonntagabendfernsehfilm hinter einem Logo von „Bosch“ – die exakt vier Tage vorher die Firma „sia Abrasives“ übernommen hatten!
Kurz gesagt: Schicksal war das kaum (es sei denn irgendetwas wollte mir verklickern, ich solle Schleifpapier kaufen) und wenn es tatsächlich Zufall war fragt sich, seit wann dieser so exakt fällt, dass er eine logische Spur hinterlässt?
Aus dem Erlebten schliesse ich, dass weder Schicksal noch Zufall, wahr sein können, dafür aber deren Kombination ungeahnte Möglichkeiten bietet: DER SCHICKFALL - „ein mit Absicht herbeigeführter Zufall mit Folgen“.
Wenn man an den Schmetterlingseffekt denkt, an die Tatsache also, dass mit einer winzigen Bewegung unendlich viel beeinflusst werden kann, eigentlich eine einfache Sache. Beim SCHICKFALL bedarf es nur einer winzigen Sache, die man für jemand andern bewirken oder jemandem in den Weg legen muss, um dessenLeben potentiell zu beeinflussen. Warum nur tun wir dies nicht öfter? Zum Beispiel mit einem Gedacht-Getan-Tag ?
Ja es gibt sie, die Anlässe, die ausschliesslich „sehen und gesehen werden“ (SUG) bezwecken. Berufshalber mische ich mich ab und an bei ebensolchen SUG’s unter die Menschen und ich bin stets von neuem tief erschüttet.
Ich strauchle mit halbvollem Champagnerglas durch die wabernden, glänzenden Körper, lächle und nicke ununterbrochen, da mir jedes Gesicht bekannt vorkommt und ich jeweils erst zu spät merke, dass mir die Gesichter nur von Bildschirm und Hochglanzmagazinen bekannt sind. Sie ihrerseits lächeln, nicken und smalltalken ebenfalls mit mir, schliesslich kennen sie in ihrem Revier jeden – ergo auch mich.
Nach 15 Minuten wird mir an solchen SUG's jeweils „sturm im Kopf“ vom Champagner, den vielen Körpern, dem Parfum, den leeren Worten, den übertriebenen Gesten und meinem Tick, dass ich mich immer wieder zu errinnern versuche, was eigentlich der Aufhänger des Anlasses ist...
Bei einer ebensolchen Veranstaltung gestern Abend ging mir ein Licht auf: Bei SUGs findet exakt das Gegenteil zum Estnischen Feenstaub statt: Die Menschen sind laut, reden viel, lachen und brüllen aber sie sagen, denken, berühren und bewirken damit nichts.
Die seltsame Leere, die an so ein Anlass in einem dringen kann, hielt diesmal bis zum nächsten Morgen an. Bei Joggen über ein frisch gemähtes Feld höre ich Motorenlärm. Erst denke ich an einen James-Bond-Helikopter (logisch ;)), dann sehe ich ihn. Ein weisshaariger Mann um die 70, im blau-grauen Trainer. Verkrampft hält er eine Fernbedienung in Händen und steuert damit sein kleines rotes Flugzeug durch den klaren Morgenhimmel.
Ich strahle ihn an und denke: Schade, dass er jetzt nicht weiss, wie glücklich er mich gerade macht! – Aber eben, Worte sind oftmals der Tod eines Zaubers (auch ich kann hier noch viel dazulernen)...